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Input Blogbuch

Schönheit im größten Wahnsinn.

März 27, 2014 by

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Ergänzend zur Printausgabe der PHOTONEWS starteten wir Ende 2011 einen Blog zum Themenschwerpunkt Fotobuch mit Rezensionen, Interviews und Debatten. PHOTONEWS Blogbuch wird von dem Fotobuch-Experten Peter Lindhorst betreut.

Input Blogbuch

Realisierung eines Masterplans. Markus Schaden zündet die erste Stufe des PhotoBookMuseums.

Schönheit im größten Wahnsinn.

Der Acker als Paradies. Ein Interview mit Andreas Weinand.

Kurt Dornig. Über Buchgestaltung

Gegen alle Hindernisse. Ein Gespräch mit Pepa Hristova zur Entstehung ihres Buches „Sworn Virgins“.

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Debatten

Bücher machen um jeden Preis?

Bücher machen um jeden Preis? PHOTONEWS-Umfrage

Schönheit im größten Wahnsinn.

Ein Gespräch mit dem Fotografen Gerald von Foris, der eigentlich nicht reden will und es dann zum Glück doch tut.

forisxxxx

Da ist er, der erste schöne Frühlingstag. Jegliche Schwermut, die sich aus dem vorherrschenden Grau des Februars gefüttert hat, scheint wie weggeblasen. Passt gar nicht zum Termin mit meinem Gesprächspartner Gerald von Foris, der von sich selbst sagt: "Selbst wenn ich einen Baum fotografiere, sieht der noch melancholisch aus!" Desperate Themen behandeln, die sich als Schatten über die Leichtigkeit des Seins im ersehnten Sonnenlicht schieben? Einige Überredungskunst ging voraus, um ein Treffen mit Gerald von Foris zu verabreden. "Ich find mich unbedeutend, es gibt doch so viele Fotografen, die haben Superzeugs am Start und die haben wirklich was zu sagen. Warum denn ausgerechnet ich?"

Ja, warum eigentlich ausgerechnet Gerald von Foris? Weil er dem Betrachter Arbeiten in die Hand legt, die Superzeugs sind, um seine Terminologie zu bemühen. Auch wenn er das nicht hören will. Das, mein Sohn, wird alles einmal dir gehören und Das letzte Gericht oder Die Strafe Gottes sind die beiden selbstpublizierten Bücher, von denen man als Betrachter hart in den Griff genommen wird. Darin findet ein äußerst kunstvoller, feinfühliger Umgang mit Bildern statt, die Momente wesentlicher Intensität heraufbeschwören, auch wenn die Intensität vor allem aus Unbehagen und Traurigkeit resultiert. "Mir haben schon zwei, drei Leute gesagt, dass sie geweint hätten beim Betrachten. Es rührt die Leute und das ist ein schönes Ergebnis für mich", wird der in München ansässige Fotograf später sagen, während wir in der Sonne sitzen, die Schiffe auf der Elbe an uns vorüberziehen lassen und er über seine Publikation Das, mein Sohn, wird alles einmal dir gehören sinniert.

Doch der Anfang unseres Gesprächs verläuft erst einmal holprig, als wir uns einen Platz am Fischmarkt suchen. Der sympathische Fotograf hadert mit sich und seinen Arbeiten. Kann man sich denn leisten, eine derartige Bescheidenheit als Fotograf an den Tag zu legen? Wer neue Bücher macht, muss doch ordentlich auf der PR-Pauke rumtrommeln? "Ich sehe, was andere Leute machen und finde, dass meine eigenen Arbeiten zurückstehen dagegen. Das ist keine Bescheidenheit, das ist Realismus. Überhaupt - das Buch Das, mein Sohn, wird alles einmal dir gehören, welches ich gerade gemacht habe, ist eigentlich nur ein größeres Heft. Und das andere Buch kommt daher wie eine Loseblattsammlung. Darin ein Text, der sich liest, als sei er im Fieberwahn entstanden. Das Ganze ist doch nur ein Nebenprodukt. Warum sollte ich das überhaupt jemanden verkaufen für 25 Euro?"

BlaurotesTuch

Meint der Fotograf das ernst? Man begegnet ja Leuten, die gerne das Understatement be- und übertreiben. Letzteres kann einen irgendwann ziemlich nerven. Schüchternheit als bewusstes Kalkül. Aber das beschreibt überhaupt nicht Gerald von Foris, dem es extrem schwer fällt, im Mittelpunkt zu stehen und über sich zu reden. Gut, reden wir also über seine Bücher. Das Schwierige ist nur – sie sind so extrem persönlich.

Das, mein Sohn, wird alles einmal dir gehören ist –genau betrachtet- nicht nur ein Buch, sondern zwei: Das großformatige „Hauptbuch“ umfasst nichts weiter als eine Farb-Serie mit 14 Küchentüchern. Aufgenommen sind diese auf weißem, neutralen Untergrund, mit einer Großformatkamera bei verfügbarem Tageslicht fotografiert. Der Stoff ist von der Zeit völlig zerfressen, einige Tücher bilden nur noch lose Fadenbündel, die aneinander hängen. Das ist schaurig und geheimnisvoll schön zugleich. Eine Typologie der Melancholie. In einem zweiten eingelegten Buch werden dem Betrachter Ansichten einer verschrammten Wohnung geboten, bestimmte Gegenstände sind isoliert aufgenommen. Diese Inventarisierung wird schließlich mit alten Urlaubsdias durchwebt.

Die beiden Bücher erzählen indirekt über jene Lebensphase seines Vaters, in der sich dieser nicht mehr gut selbst versorgen kann und schließlich in eine Pflegeeinrichtung muss: "Es ging irgendwann zuhause nicht mehr. Eine Altersdemenz war bei meinem Vater vorhanden. Die Küchentücher können somit als Allegorie herhalten. Was bleibt? Ist das Hirn in Auflösung begriffen? Was passiert mit mir, wenn ich alt werde? Wie unerbittlich ist das Leben am Ende zu mir? Die Tücher-Serie ist mit existenziellen Fragen verbunden und auf eine sehr pure Art fotografiert."

Das, mein Sohn, wird alles einmal dir gehören (Cover)

Das kleine Begleit-Buch bildet den Subtext, es ist eine Geschichte der Verweise. Man imaginiert die Person durch die Dinge, die sich in ihrem Besitz befinden. So ist kein einziges Bild des Vaters aus der Gegenwart beigefügt, dagegen sieht man ihn als jungen Mann in verschiedenen Urlaubssituationen. Dazu stellt Gerald von Foris fest: "Als Betrachter hat man erst mal keine Ahnung beim Betrachten der Tücher. Die Tücher-Serie ist rein dokumentarisch aufgefasst, ohne irgendwelche Inszenierungstricks. Ich hab sie genauso gefunden, aber das glaubt mir keiner, weil die Tücher so abstrakt und roh und zugleich armselig wirken und fast eine bedrohliche Ausstrahlung haben. Die Zeit hat stark an ihnen gearbeitet. Eine Idee ergibt sich für den Betrachter nach und nach aus den spärlichen Informationen des Begleitbuches. Die darin abgebildeten Gegenstände geben der Serie mit den Tüchern ihren Kontext. Mögen die aus der Wohnung ausgesuchten Gegenstände für das kleine Buch auf den Betrachter auch noch so absurd wirken, sie sind sehr bewusst gewählt, weil damit bestimmte Bedeutungen verbunden sind und die Identität meines Vaters rekonstruieren. Die Reitstiefel, eine Lacoste Tüte oder die St. Pauli-Nachrichten. Das mag seltsam und auch ein bisschen skurril wirken. Aber alle Dinge haben einen Bezug. Es gibt auch diese alte angestoßene Kondomschachtel, die er aufbewahrte. Alles zu sammeln und sich nicht davon trennen können, das ist schon ein merkwürdiger Vorgang. Es ging mir aber nicht darum, durch solche Dinge meinen Vater vorzuführen und lächerlich zu machen. Leute, die die Serie betrachten und mit denen ich spreche, fassen das zum Glück auch nicht so auf."

Stiefel

Mittlerweile hadert Gerald von Foris nicht mehr mit der Situation, von mir befragt zu werden. Ein reges Treiben herrscht um uns herum, doch es lenkt uns nicht ab. Unser Gespräch entwickelt eine konzentrierte Tiefe, wenn der 45jährige Fotograf darüber berichtet, wie schwierig für ihn das Vater-Sohn-Verhältnis sei. Seine Eltern waren getrennt, er ist bei seiner Mutter aufgewachsen. Sein Vater sei ihm fremd gewesen, sagt er. Erst als dieser älter wird, fühlt er mehr Verantwortung für ihn. Die Serie, die er schließlich macht, dient nicht dazu, das Altwerden und damit verbundene Miseren als fotografisches Material auszubeuten: "Das Fotografieren war eine Art Therapie für mich. Meine Mutter kommt gar nicht in dieser Arbeit vor, aber sie hat zur gleichen Zeit auch gesundheitliche Probleme bekommen. Ich musste plötzlich für beide Eltern da sein. Vor allem für meinen Vater, mit dem ich nicht aufgewachsen bin und mich somit nicht wirklich mit ihm beschäftigt habe, mein Verhältnis war entfremdet von ihm. Seit 10 Jahren habe ich ihm jedoch bei kleinen Dingen geholfen, z.B. einzukaufen, das wurde beschwerlich für ihn. Vor drei Jahren spitzte es sich dann immer weiter zu mit ihm, er war mental gar nicht gut drauf. Das Buch, die Fotografie wurde für mich ein Mittel, um mich der Situation zu stellen. Es hat was gelöst in mir. Ist das egoistisch zu nennen? Ich weiß es nicht genau!
Im Nachhinein kann ich sogar etwas Schönes sehen in dem Wahnsinn der vorgefundenen Situation. Ich hab vielleicht gelernt, meinen Vater mehr zu akzeptieren. Als ich zuerst die Tücher entdeckte, war mein Schock riesig: Was ist denn nur mit ihm los? Ich fragte ihn, ob ich das wegwerfen könne, erhielt aber nur die Antwort: `das kann man noch gebrauchen, bloß nicht wegwerfen.´ Eine Mentalität einer Generation lässt sich daran aufzeigen, mein Vater hat traumatische Erlebnisse in seinen jungen Jahren gehabt, über die er nie geredet hat. Aber es scheint sich dann in solchen Dingen zu zeigen: Sparsamkeit, Angst vor Verlust. So wird es vielleicht sogar einleuchtend, dass man ein derartiges Leben führt und aus seiner Wohnung, deren Zustand sich verschlechtert, nicht raus will. Er hätte es gerne hübscher gehabt, nur er besaß kaum mehr die Kraft, es zu verändern. Der Haushalt war sicher kein Messie-Haushalt, er wusste genau, wo alles ist. Aber er wollte mit seinen Gegenständen einfach weiterleben, die ihm lieb und teuer waren."

Lacoste

Gerald von Foris’ Serie ist eine, die den Verfall reflektiert. Das Küchentuch wird bei ihm zum Vanitassymbol, zu einem Verweis auf die Vergänglichkeit des Lebens. Es ist eine nüchterne, keineswegs rührselige Schilderung über die Tragödie des Altwerdens, die eben nicht nur die Alten, sondern auch die Angehörigen betrifft. Man sieht verschlissene Gardinen und schief sitzende Lampenschirme, Szenen, die einen in ihrem Wirkungseffekt melancholisch zurücklassen. Gerne möchte ich wissen, was es mit dem Titel des Buches auf sich hat. "Man hat bei dem Titel sofort bestimmte Bilder im Kopf. Der Vater steht mit seinem Sohn auf dem Hügel, zeigt auf sein Anwesen und spricht dann: Das, mein Sohn, wird alles einmal dir gehören. Ein Bekannter wies mich darauf hin, dass es sich um ein filmisches Zitat aus Monty Pythons `Ritter der Kokosnuss´ handelt. Das war mir gar nicht bewusst. Dort stehen auch Vater und Sohn im Schloss, schauen durchs Fenster und der  Alte sagt, das soll alles deines sein. Und dieser antwortet: Wie? Die ollen Vorhänge? Aber im Ernst: Um Goldbarren, Häuser etc. geht es mir nicht im Titel, sondern um die emotionale Last. Verantwortung ist das Erbe des Kindes. Was wird dir als Sohn aufgebürdet, wenn du den sukzessiven Verfall der Eltern mit ansehen musst. Das ist das Härteste. Die Rolle ändert sich, denn man ist gezwungen, viel mehr Fürsorge zu übernehmen. Die vielen Entscheidungen, die man treffen muss und das damit verbundene schlechte Gewissen, jemanden irgendwann ins Heim zu bringen."

Gardine

Vielleicht sollte man an dieser Stelle schweigen und einfach auf die Elbe schauen. Da gäbe es vieles, worüber man nachdenken könnte. Das Gespräch hat eine Ernsthaftigkeit angenommen, die es mir schwer macht, zu meinem ursprünglichen Fragenkonzept zurückzukehren. Aber da ist ja noch die zweite, völlig andere Publikation, die ebenfalls  sehr ungewöhnlich gestaltet ist. Ich kann den Fotografen nicht entlassen, ohne ihn dazu zu befragen, wer für das besondere Buchdesign verantwortlich ist.

"Ich arbeite immer mit einem Graphiker zusammen, mit jemandem, der mich bei der Konzeption und Druckvorbereitung unterstützt. Natürlich entwickle ich eigene Vorstellungen, wie etwas aussehen und funktionieren könnte. Für mein allererstes Buch Wunden hab ich den Gestalter Mario Lombardo gefragt, der mir sehr geholfen hat. Es hat ewig gedauert, am Ende haben wir eine Zusammenstellung mit einem passenden Spannungsbogen entwickelt. Das war eine sehr gute Erfahrung. Darauf aufbauend frage ich gerne andere. Ich hab graphische Vorstellungen, aber eben keine Ausbildung und komme auf bestimmte Dinge gar nicht von selbst. Dieses Mal hab ich zwei Graphiker, die bei mir direkt um die Ecke wohnen, beauftragt. Sabine Bretschneider und Andreas Ullrich vom Büro suolocco. Ich konnte den beiden leider kaum was zahlen, war mit den Druckkosten schon völlig überfordert. Aber wir haben uns irgendwie geeinigt, es passte einfach menschlich und die beiden Designer haben entscheidende Ideen geliefert. Das Cover von Das, mein Sohn, wird alles einmal dir gehören ist nur ein Beispiel. Eine Verfremdung, die ich normal niemals gewollt hätte. Wir diskutierten lange über die Schrift und nutzten dann bunte Lettern. So führt der Titel erst einmal auf eine andere Spur, durch die Farben kriegt es etwas Fröhliches. Die Traurigkeit, die im Inneren verborgen ist, findet man auf dem Cover nicht. Ich mag diesen Widerspruch. Du hast eine Erwartungshaltung, die nicht bedient wird, wenn du das Buch öffnest. Ein anderes Beispiel: Die violette Banderole senkrecht um das Buch verlaufen zu lassen, ist eine aus der Not geborene Idee, um das kleinere Heft einzuhängen. Als Leser musst du erst einmal ein wenig arbeiten, um die Bücher voneinander zu trennen. Aber solche Lösungen mag ich."

Und auch beim anderen Buch Das letzte Gericht oder Die Strafe Gottes muss man „arbeiten“ als Betrachter. Das Gummi lösen und aufpassen, dass die losen Seiten nicht aus den Buchdeckeln fallen. Es ist nicht ganz einfach, das Buch zu händeln. Während das andere Buch im Offset gedruckt wurde, ist Das letzte Gericht digital gefertigt, in einer 100er Auflage. Eine radikale, schöne Form, die ich so noch nicht kannte.

Pilze

"Digitaler Druck, lose Bindung – eigentlich ist das für mich als Buch nicht voll zu nehmen. Das Buch ist ungebunden, mit selbst erstelltem Siebdruckcover, handgeschnitten und geklebt. Wenn der Umschlag irgendwann auseinanderfällt, ist es mein Service, bei dir vorbeizukommen und ihn zu reparieren. Nein, im Ernst! Dass die Bögen wie bei einer japanischen Bindung gefalzt sind, aber lose im Umschlag liegen, war vor allem einem Kostenfaktor geschuldet. Dazu das dicke Gummi um die Pappe. Eigentlich gefällt mir das, weil es dem Ganzen einen Mappencharakter gibt. Es wäre okay, wenn Leute sich die Bilder rausnehmen und an die Wand hängen. Jeder soll machen, wie er will."

Wie ist Gerald von Foris eigentlich darauf gekommen, gleich zwei Buchprojekte parallel zu veröffentlichen? "Das Material aus Finnland lag irgendwo bei mir rum. Die Graphiker wollten das mal sehen. Und sie kriegten den Text, den ich irgendwann dazu geschrieben hatte, in die Hände. Sie haben mich schließlich dazu gedrängt, daraus was zu machen. Das Buch zeigt nur einen kleinen Ausflug. Es war gerade eine echt harte Zeit, mit meinen kranken Eltern damals, und so habe ich eine Freundin in Finnland besucht. Wenn es einem nicht gut geht, ist Finnland aber nicht unbedingt das richtige Land. Ich hab Fotos gemacht, die ich danach total verdrängt habe. Irgendwann hab ich das Material hervorgezogen und gesichtet und war erstaunt, dass doch einige gute Arbeiten dabei sind."

Foris6

Schon komisch, in keinem seiner Bücher sind Porträts zu finden. Dabei ist das doch genau die Spezialität des Fotografen, der oft Leute für Magazine, Plattencover etc. porträtiert, wie man auf seiner Seite sehen kann. Ich erzähle Gerald von Foris von dem neuen Murakami-Buch, das ich gerade gelesen habe. Dessen Held verlässt zum ersten Mal Japan, um ausgerechnet nach Finnland zu reisen. Der Autor beschreibt in "Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki" ein Szenario, das Gerald von Foris' Fotos 1:1 entnommen sein könnte. Sogar das merkwürdige braune Schlauchboot im Wald kommt darin vor. Murakami ist jemand, der seine Geschichten immer wieder mit surrealen Momenten auffüllt. Surreal wirkt auch der Trip, den Gerald von Foris durch das Land im hohen Norden unternommen hat. In seinem zweiten Buch kommen alte Autos, Pilze, überfahrene Tiere, merkwürdige Architekturen, Abfallhaufen und eben jenes angesprochen Boot im Wald vor. Ist das Land tatsächlich so surreal, wie er es zeigt, möchte ich schließlich vom Fotografen wissen.

Boot

"Finnland war überhaupt nicht surreal. Es war meine persönliche Stimmung, von der ich mich total leiten ließ. Ich sah merkwürdige Gegebenheiten und hab die fotografisch gesammelt. Das war aber nicht bewusst geplant. Meine Befindlichkeit, die echt elend war, beeinflusste meine Sichtweise. Ich glaube sowieso, ich könnte auch noch im fröhlichsten Land traurige Bilder machen, vorausgesetzt, es gibt so etwas wie fröhliche Länder. Ich war viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Fahrrad unterwegs, in die nächste Stadt und hab dann fotografiert. Es ist eine Geschichte über mich, über eine bestimmte Gemütsverfassung."

Die Bücher sind grundverschieden und doch sind beide mit einer Ernsthaftigkeit belegt. Auch das Finnland-Buch umfasst eine inhaltliche Tiefe, aber eine, die an manchen Stellen ein Augenzwinkern mit einbezieht. In der persönlichen Begegnung ist Gerald von Foris jemand, der exakt diese beiden Grundzüge in sich trägt. Es ist absolut amüsant, mit einem reflektierten Gesprächspartner wie ihm die verschiedensten Themen zu verhandeln. Nur wenn die Sprache auf ihn selbst und die Bewertung seiner Arbeit kommt, ist er in einem tiefen Defätismus gefangen.

Totestier

Wie läuft der Verkauf der Bücher und sind irgendwelche Erwartungen seinerseits daran geknüpft, möchte ich abschließend wissen. "Der Verkauf ist bisher okay, ich komm vielleicht derzeit auf Null mit meinen Kosten. Ich hab gar keine Erwartungen. Ich bin einfach froh, wenn es einige Leute gibt, denen die Publikationen gefallen. Ich bin auch froh, dass es Buchhändler gibt, die das Buch mögen und sich dafür einsetzen. Die Reaktionen, die ich kriege, sind bisher positiv. Ich hab einmal überlegt, das Buch an Redaktionen zu schicken. Doch immer wenn ich ein Buch schon in einen Umschlag gesteckt habe, kriegte ich plötzlich Riesenzweifel, es abzusenden. Komisch eigentlich, ich könnte mehr Jobs gebrauchen, aber ich schick deswegen trotzdem keine Bücher rum…Eines ist gewiss! Ich möchte bald wieder ein Buch machen. Noch bin ich mir über das Thema unklar. Mit einem Verlag zusammenarbeiten, käme nicht in Frage. Ich hab die Freiheit des Selbermachens schätzen gelernt. Irgendwie finde ich schon einen Weg der Finanzierung, vielleicht probiere ich die Möglichkeit des Crowdfundings aus. Das wird dann ein Buch nur für jene Leute, die mein Zeugs mögen. Vielleicht mache ich ein nächstes Buch mit Porträts. Aber das braucht noch Zeit, ich bin langsam."

dasletztegerichtcover

Das sei ihm gestattet: Alle Zeit der Welt. Am Ende wird erneut „Superzeugs“ dabei herauskommen. Da bin ich sicher. Aber das will der Fotograf jetzt echt nicht hören!
(Peter Lindhorst)

Gerald von Foris: Das, mein Sohn, wird alles einmal dir gehören. 32 S. mit 17 Farbtaf. (Plus Supplement mit 54 S., durchgehend illustriert). Pb., 22 x 30,2 cm, Auflage 500 Ex., signiert, nummeriert , € 25,00

Gerald von Foris: Das letzte Gericht oder Die Strafe Gottes. 58 Farbabb., o. pag., Hc., 15 x 21 cm, handgefertigtes Cover mit Siebdruck, Auflage 100 Ex., signiert, nummeriert, € 28,00

siehe auch: http://www.geraldvonforis.de

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Kategorie: Input Blogbuch

Der Acker als Paradies. Ein Interview mit Andreas Weinand.

Januar 30, 2014 by

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Interview mit Bruno Ceschel, SPBH

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Interview mit Hannes Wanderer in Photonews 10/2015

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Debatten

Bücher machen um jeden Preis?

Bücher machen um jeden Preis? PHOTONEWS-Umfrage

Der Acker als Paradies. Ein Interview mit Andreas Weinand.

Margret

In seinem furiosen Buch COLOSSAL YOUTH von 2011 berichtet der Fotograf Andreas Weinand aus dem Innersten einer Clique von jungen Menschen. Diese sind getrieben von einem unersättlichen Hunger nach dem Leben. Sex & Drugs & Punk’n’Roll. Zum Rausch der Utopie wird der Kater gleich mitgeliefert. In wenigen Bildern, die bereits Ende der achtziger Jahre  entstanden sind, wird das Ungestüme, das Maßlose der Jugendlichen, die einen alternativen Lebensentwurf pflegen, skizziert. Das  Buch lässt den Betrachter am Ende mit leichter Verstörung zurück. Einen Lebenswurf  ganz anderer Art zeigt Andreas Weinand in seinem jüngsten Buch THE GOOD EARTH.

Kartoffeln

War der Vorgänger wie ein Faustschlag, stellt THE GOOD EARTH eine umgarnende Geste für den Betrachter da. Eines Tages, das letzte Jahrtausend neigt sich schon dem Ende, entdeckt der Fotograf inmitten des Ruhrgebiets einen kleinen Pfad, der ihn zu einem unvermuteten Eiland treibt. Ein versteckter Garten mit Treibhaus und Stallungen. Dort lernt er Margret und Walter und Erwin kennen, die sich nach Ende ihres Erwerbslebens einen Traum erfüllt haben und zusammen ein Stück Land bewirtschaften. Weinand zeigt die drei agilen Pensionäre, die bei Wind und Wetter auf ihrem Acker stehen, den schweren Boden mit einfachstem Gerät bearbeiten, säen und ernten und daneben ihre Tiere versorgen. Immer wieder und wieder kehrt der Fotograf zu dieser grünen Insel zurück, an die Stadtgrenze von Essen und Mühlheim. Die leisen, poetischen Szenen fügt er schließlich  zu einem wunderbaren dramaturgischen Bogen, der sich den Jahreszeiten anpasst. Weinand gelingt eine gleichsam unsentimentale wie anrührende Arbeit über drei Menschen, die glücklich wirken und der Rolle, die ihnen zugedacht ist, keineswegs entsprechen wollen.

Dein Buch THE GOOD EARTH ist gerade erschienen. Wie läuft es? Wie sind die Reaktionen und welche Erwartung hegst du selbst an dein neues Buch?

Die Reaktionen sind sehr positiv. Das Buch wird international wahrgenommen und die Thematik als relevant erkannt. Ich bekomme sehr warmherziges Lob. Das tut sehr gut. Freddy Langer von der FAZ nennt es „märchenhaft schön“. Die Süddeutsche Zeitung hat gerade eine große, sehr einfühlsam und anschaulich geschriebene Buchbesprechung von Andrea Gnam veröffentlicht. Das Buch wird in Blogs erwähnt und gelobt. Ich freue mich über deine Einladung zum Interview und die Nominierung in der Jahresbestenliste im photonews-blog. Dieses positive Feedback ist so wichtig. Das Buch, diese Thematik ist mir wirklich eine Herzensangelegenheit. Margret, Walter und Erwin sowie deren jahrzehntelange Arbeit auf dem Acker erfahren so eine wunderbare Würdigung. Darüber hinaus wünsche ich mir, dass durch das Buch weitere Ausstellungen und Begegnungen mit neuen Projektpartnern für künstlerische Kooperationen entstehen.

Wie lange hat es gebraucht von der ersten Idee für ein Buch bis zur Auslieferung in die Buchhandlungen? Hast du Vorleistungen erbringen müssen, um das Buch machen zu können?

Über den Zeitraum von 15 Jahren begleitet mich diese Arbeit. Im Sommer 1998 habe ich mit dem Fotografieren begonnen und die Serie über den Zeitraum von 6 Jahren in Eigenfinanzierung realisiert. Parallel dazu recherchierte ich kontinuierlich nach Projektpartnern. In den Jahren 2004 und 2005 arbeitete ich sehr intensiv an der Bildauswahl. Seit 2005 stand die grobe Auswahl für Ausstellung und Buch. Dann habe ich eine Maquette produziert und Kuratoren besucht. Es entwickelten sich Kontakte zu Verlegern, die aber nicht in eine Zusammenarbeit mündeten. 2005 lud mich Pool Andries zu einer Beteiligung mit 25 Bildern in der Ausstellung "INward/OUTward" nach Genk in Belgien ein. 2006 hat mich Finn Thrane im Rahmen der "Odense Fototriennale" zu einer großen Ausstellung mit 85 Bildern im Brandts Fotomuseum nach Dänemark eingeladen. Im April 2009 habe ich Hannes Wanderer besucht. Im Oktober 2010 erfolgte ein weiteres Treffen und wir begannen mit COLOSSAL YOUTH, das im August 2011 erschien. 2013 haben wir dann THE GOOD EARTH realisiert. Bei beiden Büchern habe ich die Druckkosten übernommen, indem ich Bücher gekauft habe.

Es gibt die Phasen der Konzeption und Produktion, und dann gibt es die schwierige Phase danach, den Vertrieb. Bist du jemand, der aktiv Marketing (mit)gestaltet?

Um Marketing und Vertrieb kümmert sich in erster Linie der Verleger. Peperoni Books verfügt über ein internationales Netzwerk und ist auf Messen und Festivals präsent. Ich gestalte die Kommunikation über das Buch in dem Sinne mit, als dass ich Kuratoren, Kollegen und Institutionen, mit denen ich vernetzt bin, auf mein Buch aufmerksam mache und die Thematik kontinuierlich kommuniziere. Parallel dazu entwickeln sich durch die Existenz des Buches neue Begegnungen.

Inhaltlich hat mich COLOSSAL YOUTH sofort überzeugt, aber auch die Form fand ich absolut konsequent. Mit „The Good Earth“ geht es mir genauso. Es wirkt schlichter, zurückgenommener als sein Vorgänger, was dem Thema sehr gut tut. Bist du verantwortlich bzw. mitverantwortlich für Design und Editing?

Die Vorschläge für das Design kommen von Hannes Wanderer. Die Bilder folgen, wie auch in der Ausstellung, einer jahreszeitlichen Chronologie, die ich vorsortiert habe. Wir sitzen nebeneinander und arbeiten gemeinsam am Editing. Dabei vertraue ich auf seine Erfahrung und Intuition. Wir beide müssen von dem Bildfluss überzeugt sein. Bei beiden Büchern resultieren wichtige Erneuerungen aus seinen Vorschlägen. Hannes Wanderer entwickelt für meine Bilder und die jeweilige Thematik die passende Buchform. Das ist sein Metier. Gemeinsam besprechen wir die Möglichkeiten der Umsetzung, aber er macht das Design. Über unsere Zusammenarbeit und mit den Ergebnissen bin ich sehr glücklich.

Unkraut

War die Serie von vorneherein mit der Verwertungsidee eines Buchs verknüpft?

Ja. Wenn ich an einem Projekt fotografiere, habe ich als Publikationsform sowohl eine Ausstellung als auch ein Buch vor Augen. Beim Fotografieren denke ich eher in einer räumlichen Präsentationsweise. Ich greife einzelne Bilder aus dem räumlichen Geschehen heraus und spiele in Gedanken mit möglichen Bildkombinationen, überlege, welche Bilder ich schon habe, wie ich diese ergänzen könnte und was ich noch suche. Dabei habe ich die Assoziationspotentiale der einzelnen Bilder vor Augen. Wenn ich an der Auswahl für eine Präsentationsform wie z.B. meiner Website oder einem PDF arbeite, lege ich die Bilder in Reihe und spiele mit Kombinationen. So verdichtet sich sukzessive mein Gefühl für das Thema der Arbeit und die Aussage wird formuliert. Dieser kontinuierliche Selektionsprozess begleitet jede Serie von Anfang an.

Im Intro von THE GOOD EARTH sieht man  verschiedene Ausschnitte der Erde. Einmal den gepflügten Boden, die Saat auf dem bearbeiteten Boden, schließlich einige Sprösslinge. Wie lange hast du an dem Projekt gearbeitet? Was reizt dich an Langzeitserien?

Fotografiert habe ich schwerpunktmäßig in den Jahren 1998 bis 2004. Das Titelbild ist 2006 entstanden. Seit Beginn beschäftigt mich diese Arbeit mal mehr, mal weniger. Sie ist quasi Teil meines Lebens geworden. Ich arbeite eigentlich nur in Langzeitprojekten. Über die intensive Beschäftigung mit einer Thematik lässt sich eine individuelle Betrachtungsweise herausarbeiten und diese in eine ausgereifte Bildform überführen. Die Themen entwickeln sich. Ich interessiere mich für etwas und sensibilisiere mich. Dann mache ich Fotos und folge meiner Intuition. Irgendwann registriere ich dann, dass ich mein Thema gefunden habe.

Ist es für dich ein Widerstreit, mit einem Medium wie der Fotografie, das auf Ereignis, Aktualität, schnelle Reaktion ausgerichtet ist, sich einem Thema zu nähern, das absolut  unspektakulär wirkt und viel Geduld erfordert, etwa wenn es die wiederkehrenden Zyklen von Pflanzung und Ernte beschreiben soll?

Mich interessieren Inhalte von zeitloser Bedeutung, die ich aus meiner subjektiven Perspektive im Hier und Jetzt visualisiere. In meine Projekte wachse ich quasi hinein. Um meine Aussage zu formulieren, benötige ich Zeit und Erfahrungen. Und natürlich Geduld. An diesem Prozess reifen meine Arbeit und ich. Mich interessiert das scheinbar Unspektakuläre, weil es in meinen Augen das verbindende Kontinuum im Lebens ist. Sich dafür zu sensibilisieren und daraus ein Thema zu entwickeln, erfordert einen intensiven Einsatz. Über Jahre. Ich suche eine Balance aus Ruhe und Dynamik. Letztendlich ist jedes Foto eine Momentaufnahme und kann eine schnelle Reaktion erfordern. Und seien es Schnecken auf einem Kohlblatt.

Schnecken

Wer ist der eigentliche Hauptakteur in deinem Buch? Der Acker oder derjenige, der ihn bestellt?

Das Leben. Die Veränderungen im Laufe der Zeit. Das Zusammenspiel von natürlichen Wachstumsprozessen und der menschlichen Einflussnahme. Die Bilder versinnbildlichen einen organischen Lebens- und Arbeitsprozess, der durch den Rhythmus der Jahreszeiten strukturiert wird. In dieser Serie sind mehrere Handlungsebenen miteinander verwoben.

Eine Lesart von THE GOOD EARTH könnte sein: das Leben als Kreislauf, als Zyklus, eine Reflexion über Anfang und Ende. Du beschreibst die Zyklen der Natur, die Rolle des Tiers und den Menschen selbst, der die Natur in einem nie endenden Prozess für sich nutzbar zu machen versucht. Welche Erkenntnis hat sich für dich aus dieser Arbeit ergeben?

Gelassenheit. Es war eine wunderschöne Zeit. Ich habe dieses Wechselspiel begriffen, dass wir als Menschen von dem leben, was wir machen und dabei auf die Bedingungen unserer Umwelt eingehen. Genaues Beobachten, was wann zu tun ist. Lernen. Wir nutzen die Wachstumsprozesse der Natur und produzieren Kultur. Dieser Prozess ist kreativ. Ich konnte spüren und nachvollziehen, was lebendige Erde bedeutet. Überall ist Leben. Wenn sich im Winter die Blätter auflösen, sind da klitzekleine Tierchen, die in und auf der Erde herumlaufen. Im Frühjahr sind die Blätter weg und neue Pflanzen wachsen.

Geht es in deiner Serie auch darum, das letzte Viertel unseres Lebens als versöhnlich darzustellen? Kann Altsein/-werden in der Fotografie als ein positiver Prozess dargestellt werden?

Ja, diese Arbeit ist auch eine positive Betrachtung des Alterns. Ich zeige Menschen, die nach ihrem offiziellen Berufsleben etwas Neues beginnen. Sie realisieren ihren Lebenstraum. Heute empfinden sie diese Zeit als eine der reichsten ihres Lebens.

Ich sehe Parallelen zwischen COLOSSAL YOUTH und THE GOOD EARTH insofern, als du das Leben von Menschen darstellst, die nicht so einfach den Erwartungen und Mustern entsprechen, sich diesen sogar entschieden verweigern. Die älteren Menschen haben genauso wie die jungen Leute einen alternativen Lebensentwurf. Ist das zufällig oder interessieren dich solche Biographien?

Beide Arbeiten, COLOSSAL YOUTH und THE GOOD EARTH, thematisieren jeweils eine entscheidende Lebensphase, in der es darum geht, Weichen für die Zukunft zu stellen. Mich inspirieren Menschen mit individuellen Lebensentwürfen.

 Altes Schaf

Wann und wie hast du die Leute kennengelernt? Wie haben sie reagiert, als du ständig wiedergekehrt bist, um dort zu fotografieren? Wie nah kommt man seinen Protagonisten eigentlich?

Im Sommer 1998 machten meine Frau und ich einen Spaziergang und schlugen einen Weg ein, den wir noch nicht kannten. Plötzlich standen wir vor einem Treibhaus mit einer Bank. Wir setzten uns auf die Bank, um die schöne Atmosphäre zu genießen. Nach einiger Zeit kam aus der entgegengesetzten Richtung des Weges ein Auto langsam angerollt. Zwei Senioren stiegen aus. Er öffnete das Tor zum Garten, sie setzte sich zu uns und begann zu erzählen. Die erste Zeit fuhr ich mit dem Fahrrad zu ihnen und kaufte ihr Gemüse. Irgendwann fing ich an, Fotos zu machen. Wir haben gegenseitig unsere Begeisterung für das, was wir taten, gespürt und geschätzt. Wenn ich Menschen fotografiere, bewege ich mich immer im Spannungsfeld von Nähe und Distanz. Ich muss für mich wissen, wie nah ich Personen eigentlich kommen möchte, was ich sehen und erfahren möchte und was lieber nicht. Ich empfinde eine starke Verantwortung dafür, wie ich die Personen in meinen Bildern darstelle. Letztendlich ist es eine gegenseitige Vertrauensfrage. Dieses ist ein eigenes, elementares und sehr vielschichtiges Thema, welches mich bei meiner aktuellen Arbeit, den PORTRAITS kontinuierlich beschäftigt. Zu dieser Thematik biete ich auch Portrait-Seminare an.

Deine Bilder bedienen eine derzeit allgemein vorherrschende Natursehnsucht. Zurück zur Natur. Man vermutet nicht unbedingt ein Biotop wie dieses im Ruhrgebiet. Ist es ein genauso vorgefundener und fast verwunschen wirkender Ort, wie du ihn darstellst...oder hast du bestimmte Realitäten ausgesperrt, in dem du die Umgebung nur angedeutet hast?

Dieser Ort ist real. Ich habe keine unangenehme Umgebung ausgeblendet. Ganz weit weg und nicht zu sehen, ist die Ruhrtalbrücke, über die die Autobahn nach Düsseldorf führt. Für mich war der Acker wirklich ein Paradies. Zu dieser Zeit und in dieser Konstellation. Die Akteure sind Pioniere des biologischen Landbaus im Ruhrgebiet. Sie praktizierten „Urban Gardening“, als dieser Begriff in Deutschland noch nicht populär war. Ihr Gemüsegarten hatte eine DEMETER-Zertifizierung, worauf sie immer sehr stolz waren. Erwin, der Mann mit der Sense, ist leider 2005 gestorben. Ich mochte ihn sehr. Margret und Walter sind mittlerweile 86 und 88 Jahre alt. Über das Buch haben sie sich riesig gefreut.

Margret und Walter

Sind deine Themen immer eng an deine eigene Erfahrungswelt gekoppelt? War COLOSSAL YOUTH die Beschreibung einer Jugendkultur, an der du selbst beteiligt warst? Im Begleittext deines neuen Buches beschreibst du deine glückliche Kindheit im Garten deiner Oma. Stellt Fotografie ein Instrument des Rückgriffs, der Erzählung bzw. Bilanzierung des eigenen Lebens für dich da?

Meine Themen sind eng mit meiner eigenen Erfahrungswelt gekoppelt. COLOSSAL YOUTH ist autobiographisch inspiriert. Ich zeige nicht meinen eigenen Freundeskreis, sondern fotografierte aus der Perspektive eines 30 jährigen Erwachsenen, der sich an seine eigenen Gefühle als Jugendlicher erinnert fühlt. THE GOOD EARTH, 10 Jahre später fotografiert, erfüllte meine Sehnsucht nach Natur. Ich nutze die Fotografie sowohl zur retrospektiven Reflexion von Erfahrungen und Erlebnissen als auch, um aktuell im Hier und Jetzt bewusst zu leben und Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln.

Im Abschlussbild sieht man dich als Fotografen, der auf der Wiese liegt und in den Himmel träumt. Daneben ein Text, wo du u. a. über elementare Erfahrungen sprichst, die du neu gesammelt hast: „Es hat einige Zeit gedauert, bis ich begriff, dass die Beete nicht einfach grün sind...“ Ist Fotografieren für dich vor allem ein Prozess der Erkenntnis?

Fotografie ist für mich ein Medium der Erkenntnis und Kommunikation.

Wie geht’s weiter? Machst du jetzt erstmal Pause oder gibt es schon wieder neue Projekte?

Die letzten beiden Jahre habe ich sehr intensiv in meinem Archiv geforscht. Dabei entdecke ich meine Faszination für Kontaktbögen, an denen ich sehr schön nachvollziehen kann, wie ich mich bestimmten Motiven und Situationen angenähert habe. Ich verschaffe mir einen Überblick und sehe die inhaltliche und gestalterische Entwicklung meiner Fotografie mit neuen Augen, losgelöst aus meiner damaligen Erwartung und Haltung. In der Rückschau wird mir das zeitliche Volumen bewusst, während dessen ich mich auf ein Thema vorbereite, um es dann in einer Serie, wieder über Jahre, auf den Punkt zu bringen. Seit 2007 konzentriere ich mich auf PORTRAITS. Dabei interessieren mich Bilder, die die Personen lebendig und natürlich zeigen und bei der Bildbetrachtung ein Gefühl von positiver Energie vermitteln. Mir geht es um die Visualisierungen individueller Statements, artikuliert durch Blicke, Kleidung und Körperhaltung.

(Peter Lindhorst)

Andreas Weinand. The Good Earth. ISBN 978-3-941825-50-5. Peperoni Books. Berlin 2013. 144 S. mit 116 Farbfotos. 30 x 24 ,5 cm. geb.  40,00 €

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Kategorie: Input Blogbuch

Kurt Dornig. Über Buchgestaltung

August 18, 2013 by

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Ergänzend zur Printausgabe der PHOTONEWS starteten wir Ende 2011 einen Blog zum Themenschwerpunkt Fotobuch mit Rezensionen, Interviews und Debatten. PHOTONEWS Blogbuch wird von dem Fotobuch-Experten Peter Lindhorst betreut.

Input Blogbuch

Interview mit Bruno Ceschel, SPBH

(Text-)frei und ungebunden – Ein Vortrag von Peter Lindhorst

Interview mit Hannes Wanderer in Photonews 10/2015

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Debatten

Bücher machen um jeden Preis?

Bücher machen um jeden Preis? PHOTONEWS-Umfrage

Kurt Dornig. Über Buchgestaltung

Cornelia Blum, Auszeit. Buchgestaltung: Kurt Dornig

Mir passiert es immer wieder, dass mir Fotobücher in die Hände fallen, bei denen ich unmittelbar merke: es knirscht. Inhalt und Form finden überhaupt nicht zueinander. Man hätte besser daran getan, einen Experten ranzulassen, der entsprechende Erfahrung auf dem Feld der Buchgestaltung mitbringt. Etwa jemanden wie Kurt Dornig, der Graphikdesigner und Illustrator ist und sein Studio in Dornbirn/Österreich betreibt.

Zufällig kam ich vor einiger Zeit mit ihm ins Gespräch, als er mich zu  einem Buch befragte, von dem ich noch nie gehört hatte und das mich unmittelbar neugierig machte. Daraus entspann sich sogleich ein intensives Gespräch, in dessen Verlauf ich mich mit meinem Gegenüber über Materialien, über Gestaltungswerkzeuge, über falsch verstandenes Design und umgekehrt über besonders gelungene Bücher austauschte.

Kurt Dornig hat neben seinen zahlreichen anderen Projekten auch eine Vielzahl von Publikationen gestaltet, mit denen er wichtige Preise eingeheimst hat. Ein paar Tage nach unserem Zusammentreffen schickte er mir einen Aufsatz zu, eigentlich für den privaten Gebrauch bestimmt, der mir so überaus gefiel, weil er Themen unseres Gesprächs gut zusammenfasste. Ein großes Glück, dass dieser Text nicht privat bleiben muss, sondern Dornig die Erlaubnis erteilte, diesen hier zu veröffentlichen.

Alois Galehr. Bananorama. Buchgestaltung: Kurt Dornig

Auch wenn sich Dornigs Text über Buchgestaltung nicht in erster Linie an Fotografen wendet (er basiert auf einem Vortrag über Buchgestaltung für Nichtgestalter), erläutert er in pointierter Form die einzelnen Parameter der Buchgestaltung und bietet Inspiration, sich intensiver mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Hier der vollständige Text: 
"Autoren schreiben Texte, keine Bücher." (Friedrich Forssman in einem Vortrag in St. Gallen, 2010)

BUCHGESTALTUNG

Frage: Was machst du denn beruflich?
Antwort: Ich bin Grafikdesigner.

Und was machst du da genau?
Hauptsächlich Buchgestaltung.

Illustrierst du Kinderbücher?
Nein. Pause. Ratloses Gesicht. Nachdenken. Verstehendes Lächeln.

Ah, ja. Jemand muss ja die Umschläge gestalten.
Okay, das stimmt. Doch Buchgestaltung ist weit mehr als das. Als Buchgestalter begreife ich mich als Dolmetscher zwischen AutorInnen, KünstlerInnen oder VerfasserInnen von wissenschaftlichen Texten und LeserInnen.

Ach ja? Und wie funktioniert das?
Buchgestaltern, egal welcher Art von Buch, steht ein ganzes Arsenal an „Werkzeugen“ zur Verfügung: Dazu gehören u.a. Format, Größe, Proportion, Raster, Typografie, Papier, Druck und Bindetechniken. Und so wie ein Pianist 88 Tasten vor sich hat, die er in einer bestimmten Reihenfolge, einem bestimmten Rhythmus und unterschiedlicher Intensität anschlagen kann, um damit eine klassische Komposition, Rock, Pop oder Jazz zu „erzeugen“, genau so können diese „Werkzeuge“ bei der Gestaltung von Büchern (aber nicht nur da) eingesetzt werden. Und wenn man sich nun vorstellt, dass es drei Formate, unzählige Größen, Proportionen und Rastersysteme gibt, dazu eine sehr große Anzahl von möglichen Schriften und Papieren, Druckverfahren und Veredelungstechniken sowie viele Techniken, eine Anzahl von Seiten zu binden, ergibt sich daraus eine schier endlose Zahl an Umsetzungs- und Interpretationsmöglichkeiten. Details wie Überzugmaterialien, Vorsatzpapiere, Kapital- und Lesebänder, Pagina und Kolumnentitel noch nicht eingerechnet. Prinzipiell sind bei jedem Buch alle diese Parameter zu berücksichtigen. Bei einem einfachen Textbuch natürlich weniger umfangreich als bei einem komplexen wissenschaftlichen Werk, aber trotzdem.

Was unterscheidet nun ein gutes Buch von einem weniger guten oder gar schlechten? 
In erster Linie natürlich der Inhalt. Darauf hat man als Gestalter jedoch meistens keinen Einfluss. In vielen Ländern wird jährlich der Wettbewerb „Schönste Bücher“ ausgelobt. Ist Schönheit also das entscheidende Kriterium für die Gestaltung? Mitnichten. Schönheit liegt im Auge des Betrachters und spiegelt höchstens einen Geschmack wider. Das heißt, dass – ohne inhaltliche Vorgaben- jeder halbwegs begabte Gestalter ein schönes Buch gestalten kann. Das ist keine große Sache. Ein stimmiges Buch zu einem bestimmten Thema zu machen ist eine der größten Herausforderungen, der man sich als Gestalter stellen kann. Warum das so ist, liegt auf der Hand: Bücher müssen konsequent aus dem Inhalt heraus gestaltet werden. Und jeder Inhalt verlangt nach adäquatem Einsatz der Gestaltungsmittel. Geradewegs so wie Klassik, Rock oder Jazz nach unterschiedlichen Rhythmen und Tonleitern verlangen.

Gerhard Klocker. The Uncomplete Book of Portraits. Buchgestaltung: Kurt Dornig

Soweit, so klar. Nur, dass Gestaltung eben nicht Mathematik ist und daher nicht nach bestimmten Formeln vorgegangen werden kann, sondern Fingerspitzengefühl und Empathie erfordern. Dass für ein technisches Thema andere Schrifttypen als für ein „organisches“ Thema eingesetzt werden sollten oder eine andere Papierwahl getroffen wird, ist naheliegend, aber auch nicht per se richtig. Stil hilft auch nicht weiter. Stil ist das Ende jeder Kreativität. Gestaltungsphilosophie, Handschrift und Haltung sind schon eher gefragt.

Wie sieht nun aber die „richtige“ Schrift oder das passende Papier aus und nach welchen Kriterien fälle ich diese Entscheidungen?
Dieses Wissen unterscheidet gute von weniger guten GestalterInnen und damit auch die guten von den weniger gut gestalteten Publikationen. Dazu kommt, dass man als Gestalter nur in seltenen Fällen alleine eine gesamte Publikation umsetzt. Fast immer braucht es ein ganzes Team von Spezialisten, die für das Gelingen verantwortlich sind. Als Gestalter ist man in der Position eines Regisseurs, bei dem die Fäden zusammenlaufen. Das heißt, man trägt nicht nur für den eigenen Bereich die Verantwortung, sondern ist auch für den reibungslosen Ablauf, die Koordination der Beteiligten und die Abstimmung aller Komponenten zuständig.

gelitin – Chinese, Synthese, Leberkäse. Buchgestaltung: Kurt Dornig

Soweit alles klar? Gut, denn jetzt wird’s komplex. Bücher gibt es, je nach dem wo man ansetzt, seit ca. 3.000 Jahren (frühe ägyptische Schriftrollen), ca. 1.200 Jahren (Erfindung des Papiers) oder ca. 560 Jahren (Erfindung des Buchdrucks). Die Schrift, die wir verwenden, stammt ursprünglich von den Phöniziern aus dem östlichen Mittelmeerraum und ist seit ca. 2.000 Jahren, also seit den Tagen des Römischen Reichs, beinahe unverändert im Einsatz. Die heute noch vorherrschende Kodexform ist zudem nicht sehr flexibel in der Auslegung. D.h., fast allen Büchern ist gemein, dass sie einen Umschlag haben, einen Kern mit Aufbau über den Bund und einen vertrauten Umgang mit der Typografie. Ist man in der Umsetzung zu innovativ, bricht man mit den „gelernten“ Regeln und entfernt sich so schnell vom Medium. Umso erstaunlicher daher, in wie vielen Ausprägungen uns das Buch heute begegnet. Und als Leser sollte man sich darüber auch keine Gedanken machen müssen. Ein Buch ist dann gut, wenn es den Inhalt erschließt. Dass dies gewährleistet ist, ist die vordringliche Aufgabe des Buchgestalters.

Fehlerquellen
So viele Werkzeuge, Parameter und Beteiligte es bei diesem Prozess gibt, so viele Fehlerquellen eröffnen sich. Falsches Format, schlecht gewählte Größe/Proportion, verwirrende Struktur, fehlender Zusammenhalt, dem Inhalt nicht entsprechende Schrift oder einfach nur schlechter Satz sind hier genauso zu nennen wie Bilder, die nicht auf das Papier abgestimmt werden, „falsche“ Haptik, schlechter Druck oder Bindung. Und wie beim Film gilt auch hier: Der Gesamteindruck ist entscheidend. Ist nur eine Komponente unzureichend, wirkt sich dies auf das gesamte Druckwerk aus. Und da –zumindest vom Laien – hauptsächlich Fehler wahrgenommen werden, ist jedes unauffällige Buch schon beinahe ein gutes Buch. Vor allem bei Künstlerbüchern ist sehr „beliebt“: Die Gestaltung der Publikation erhebt sich über den Inhalt, oder anders gesagt, der Gestalter ist plötzlich wichtiger als der Künstler, das Buch wichtiger als die abgebildete Kunst. Spätestens seit Dieter Rams und Lucius Burkhardt wissen wir, dass gute Gestaltung unsichtbar ist. Oder wie es der große Schweizer Buchgestalter Jost Hochuli in einem Workshop auf den Punkt brachte: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich.“

Aber was genau ist nun nötig und wo bleibe ich da als Gestalter? Ist das eine Aufforderung zum Pragmatismus? Und wie komme ich zu den notwendigen Informationen? Eigentlich ganz einfach: man muss im Wesentlichen lesen. Der kreative Prozess beginnt mit der Auseinandersetzung mit dem Inhalt. Wer Text nur als Grauwert begreift, wird nie ein gutes Buch gestalten, auch wenn er ein „schönes“ Buch gemacht hat. Darum sollten wir auch nicht die „schönsten“ Bücher prämieren, sondern die „stimmigsten“, die „innovativsten“ und vor allem jene, die am sorgfältigsten mit dem Inhalt umgehen.

Gschwendtner/Hohler: Was liegen blieb. Buchgestaltung: Kurt Dornig.

Evolution
Seit ca. 20 Jahren erleben wir Geburt und Kindheit des digitalen Buches. Oft wird es als digitale Konkurrenz zum lieb gewonnenen analogen Medium empfunden. Wobei das so ja nicht ganz richtig ist. Wie nämlich der Wiener Philosoph und Autor Konrad Paul Liessmann in seinem Artikel „Bücherdämmerung“ (in: Der Standard, Album, vom 7./8.7.2012) sinngemäß sagt: Der Begriff „E-Book“ ist ein falsch verstandener Euphemismus. Das E-Book ist nämlich kein Buch sondern ein digitales Medium, das Lesetexte sichtbar macht. Nicht mehr und nicht weniger. Dass wir als Gestalter diese Evolution hautnah miterleben und nutzen können genauso wie digitale Produktionstechniken, ist nicht Fluch, sondern Segen. So müssen sich Autoren und Gestalter zu Gutenbergs Zeiten gefühlt haben, dessen Erfindung übrigens von Traditionalisten zuerst auch abgelehnt wurde. Das neue, digitale Medium braucht allerdings einen neuen Namen, um nicht ständig in Konkurrenz mit dem Medium Buch zu stehen. Aber der wird kommen. Genauso wie das noch junge Medium seine Kinderkrankheiten ablegen wird. Geben wir ihm etwas Zeit.

Wo aber bleibt dann das traditionelle analoge Buch? Darüber sind sich eigentlich alle Medientheoretiker einig. Das neue wird dem alten Buch den Markt streitig machen und große Teile übernehmen. Aber es wird das gedruckte Buch nicht verdrängen. Wichtige Erstauflagen, Bildbände und das „besondere“ Buch werden bleiben. In kleineren Auflagen und hochwertiger Ausstattung. Für bibliophile Menschen. Für Leser. Und für Gestalter.

Kurt Dornig, Juli 2013

Kurt Dornig mit zwei seiner gestalteten Bücher

Weitere Informationen zu den Projekten von Kurt Dornig, siehe: http://www.dornig.cc/de

(Peter Lindhorst)

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Kategorie: Input Blogbuch

Gegen alle Hindernisse. Ein Gespräch mit Pepa Hristova zur Entstehung ihres Buches „Sworn Virgins“.

März 25, 2013 by

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(Text-)frei und ungebunden – Ein Vortrag von Peter Lindhorst

Interview mit Hannes Wanderer in Photonews 10/2015

Interview mit Klaus Kehrer

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Aktuelles aus dem Blogbuch

Realisierung eines Masterplans. Markus Schaden zündet die erste Stufe des PhotoBookMuseums.

Debatten

Bücher machen um jeden Preis?

Bücher machen um jeden Preis? PHOTONEWS-Umfrage

Gegen alle Hindernisse. Ein Gespräch mit Pepa Hristova zur Entstehung ihres Buches "Sworn Virgins".

Zwei Jahre sind vergangen, seit der erste Dummy entstand. Jetzt endlich soll das Buch „Sworn Virgins“ erscheinen. Ein überaus steiniger Weg liegt hinter der Fotografin Pepa Hristova. Viele Schwierigkeiten und Probleme hat sie meistern müssen, immer wieder Gespräche geführt, neue Entscheidungen getroffen und Korrekturen vorgenommen.
Gerade ist der Blindband gekommen, als wir uns unterhalten wollen. Die Fotografin ist nervös, denn dieser funktioniert noch nicht richtig. Es gibt Schwierigkeiten mit zwei unterschiedlichen Papierformaten. So können Druckstellen durch das Beschneiden entstehen. Was heißt das in seiner Konsequenz? Noch einmal eine neue Lösung finden? Noch einmal Geld reinstecken? Und führt das jetzt zu einer erneuten Verzögerung? Pepa Hristova ist eine Fotografin, die zweifelsohne hohe Ansprüche an sich selbst stellt. Egal, ob in ihrer fotografischen Arbeit oder in der Verwertung derselben. Eine standardisierte Buchproduktion käme für sie wahrscheinlich nicht in Frage. Zumindest war das nie ihre Absicht für ihre „Sworn Virgins“, eine Serie, die eine besondere Konzeption benötigt. Das verlangt viel Kreativität und birgt ebenso zahlreiche Stolperfallen.

Buchcover "Sworn Virgins"

Photonews/Peter Lindhorst: Bist Du froh, dass das Buch in absehbarer Zeit erscheint?

Pepa Hristova: Absolut, auch wenn ich im Moment erst einmal ziemlich erschöpft bin. Ich hoffe, dass nun die Phase eingeläutet ist, wo alles zu einem Ende kommt. Jetzt muss kurzfristig eine technische Lösung gefunden werden, damit die beiden Papierformate sich gut zusammenfügen und keine Druckstellen entstehen. Noch einmal werde ich mich dazu mit meinem Designer SYB beraten. Immer wieder gibt es völlig unerwartete Probleme wie diese, die behoben werden müssen. Das ständige Anpassen, Absprachen mit dem Designer, dem Verleger, dem Produktionsleiter, dem Herausgeber usw., auf der anderen Seite derzeit die ganzen technischen Fragen, die drängend sind: die genaue Papierkombination, die Lackierung, die Oberfläche des Covers, die entsprechende Umwandlung und Anpassung der Daten, das Proofen, die erneuten Farbkorrekturen (nachdem man die Bilddateien Monate lang bearbeitet hat und diese am liebsten nicht noch ein weiteres Mal aufmachen möchte). Eigentlich wäre es besser, man hätte ein paar Wochen Zeit, wäre vor Ort und könnte alle Entscheidungen unmittelbar treffen und so zügige Ergebnisse erzielen. Das alles immer im Mailverkehr zu lösen, ist ziemlich enervierend. Ich mache das Buch bei Kehrer. Vor einigen Jahren erzählte Jessica Backhaus bei einer Buchpräsentation, dass sie dort drei Wochen vor Ort war, viele Entscheidungen bei der Buchproduktion mitgetroffen hat und sich insgesamt sehr gut aufgehoben fühlte.

Wie bist Du denn bei Kehrer gelandet?

Mir gefiel sehr, wie offen Klaus Kehrer war bei unserer ersten Begegnung. Er war vor allem einverstanden, ein experimentelles, unkonventionelles Buch mit mir zu machen und das hat mich sofort überzeugt.

Hast Du im Vorfeld auch mit anderen Verlagen gesprochen?

Ich war mit verschiedenen Verlagen im Gespräch, u.a. mit Hatje Cantz und Peperoni. Hannes Wanderer von Peperoni hatte ich einmal in einem Vortrag gehört. Da hat mir sehr imponiert, wie er sich über das Büchermachen geäußert hat. Meine Freundin Irina Ruppert hatte zudem gerade mit ihm ein Buch gemacht und mir über ihre Erfahrungen berichtet. Ich dachte, ich schaue bei ihm mal vorbei. Ich hab zu dem Zeitpunkt allerdings schon mit dem Gedanken gespielt, mit dem Buchdesigner Sybren Kuiper zusammenzuarbeiten, was Hannes Wanderer nicht so gut gefallen hätte. Er ist ja selbst jemand, der Bücher gestaltet und er warnte mich davor, aus meiner Arbeit zu sehr ein Designbuch zu machen. Aber meine Entscheidung für Kehrer fiel eben deswegen, weil ich ein sehr gutes Anfangsgespräch mit dem Verleger hatte, in dem dieser zu erkennen gab, dass er auch an Folgeprojekten interessiert sei und gerne langfristig mit mir arbeiten wolle. Das war ausschlaggebend.

Musstest Du irgendwelche Vorleistungen bei Kehrer erbringen?

Wir haben offen über die Finanzierung gesprochen. Ich hab zugesichert, bestimmte Kosten durch einen Editionen-Verkauf zu kompensieren. Vorher hatte ich schon ein Museum gesucht, das eine Abnahmegarantie von Büchern übernehmen wollte. Mir war bis da allerdings völlig unklar, wie eine Produktionskalkulation funktioniert. Was kostet letztendlich ein Fotobuch? Der Umfang, die Größe, das Papier, die Wahl des Umschlags - all diese Komponenten bestimmen den Preis. Als jemand, der sich nicht auskannte, konnte ich anfangs nicht erkennen, dass alles ziemlich eng kalkuliert war. Wenn man mal genauer schaut: Mittlerweile gibt es ja Wettbewerbe, bei denen man eine ganze Buchproduktion gewinnen kann. Das hört sich sehr attraktiv an, beinhaltet aber oft nur eine ganz starre, standardisierte Produktion. Alles ist schon festgelegt. Wenn du von diesem Standard abweichst und irgendeinen Extrawunsch hast, wird es sofort viel teurer. Es ist wie beim Autokauf. Wenn du irgendwelche Sonderausstattungen willst, geht der Preis richtig in die Höhe. Und bei meinem Buch sind es zwei Papierformate, eine Mischung aus gestrichenen und ungestrichenen Papieren, 5 Aufklappseiten, partielle Bilderlackierung und eine Prägung auf einem rauen Coverpapier.

Albanien 2008

Pepa Hristova hat ihre Arbeit „Sworn Virgins“ schon 2010 abgeschlossen. Dabei handelt es sich um eine intensive Porträtserie über die letzten Mann-Frauen Europas, die sie in den Gebirgsdörfern im Norden Albaniens aufgespürt hat. Dieses Phänomen reicht auf eine Gesetzgebung des Mittelalters zurück. Jene legitimierte Familien, die ihr männliches Oberhaupt verloren haben, ersatzweise eine Frau aus der Verwandtschaft einzusetzen. Dazu mussten die ausgewählten Frauen einen Schwur zur ewigen Jungfräulichkeit ablegen. Heute gibt es nicht mehr viele dieser Mann-Frauen. Die, die übrig geblieben sind, gehen voll in der Rolle eines Mannes auf, in dem sie sich genau wie diese verhalten, sich so kleiden, harte Arbeit leisten und als Versorger der Familie fungieren. Umgekehrt werden die Mann-Frauen in ihrer Rolle allgemein gesellschaftlich akzeptiert. Als Frauen werden sie gar nicht mehr wahrgenommen, was einem auch als Betrachter so geht. Die Besonderheit dieser Gruppe bildet einerseits eine interessante Grundlage für anthropologische Forschungen und ist zugleich die geeignete Matrix für jeden Diskurs über Gender Studies, der Geschlecht als rein soziale Konstruktion definiert.

Mit ihrer eindrucksvollen Farbserie, die aus Porträts, Landschaften und Archivfotos besteht, hat die in Hamburg lebende Fotografin mehrere Preise eingeheimst, Teile davon wurden bereits ausgestellt, die Arbeit ist in verschiedenen Magazinen abgedruckt worden. Irgendwann weckte es Begehrlichkeiten in ihr, daraus ein Buch zu machen. Wie sie erzählt, hat sie anfangs mit verschiedenen Graphikern zusammengearbeitet. Die Dummys, die entstanden, entsprachen jedoch nicht ihren Vorstellungen. Eine Herausforderung bestand darin, eine richtige Balance aus den Porträts und den Archivporträts zu kreieren.

Wie bist Du denn auf SYB gekommen?

Er ist ein Buchdesigner, der viel Erfahrung hat und sehr gut mit Archivbildern umgehen kann, wie er schon bewiesen hat. Ich hab mir erst einmal einige Bücher von ihm angeschaut. Das erste Buch, das ich von ihm sah, war „Flamboya“ von Viviane Sassen. Da ist mir aufgefallen, wie er Bilder behandelt und wie deren Inhalte durch das Design unterstützt wird. Ich war neugierig, was er mit dem heterogenen Material machen würde.

Hattest Du irgendeine Vorstellung, was das kosten würde?

Mir war klar, dass SYB nicht billig sein wird. Er ist ein gefragter Designer und meist mit mehreren Buchprojekten gleichzeitig beschäftigt. Ich war unsicher, ob ich den üblichen Preis bezahlen könnte. Ich hab wirklich gehofft, ihn für die Geschichte zu begeistern und dass er mir etwas entgegenkommt, was er am Ende auch gemacht hat.

Sahst Du die Gefahr, dass er Deiner Arbeit zu sehr sein Design aufdrücken könnte?

Ich hatte überhaupt keine Angst, dass er meine Arbeit zu einem überdesignten Buch macht. Ich verlasse mich auf meine eigene Wahrnehmung und kann auf Kenntnisse aus meinem eigenen Kommunikationsdesignstudium zurückblicken, die mich davor schützen. Ich mag keine überdesignten Bücher, die zu viel wollen. Im Übrigen ist es ja nicht so, dass man keinen Austausch hat und sich nur der Idee des Designers fügt. SYB hat mir gleich gesagt, das es immer Diskussionen mit seinen Künstlern gegeben habe. Er hat das Buch mit einem Baby verglichen, und ihm ist völlig klar, dass man als Künstler nur das Beste für sein Baby herausholen will.

Wie bist Du auf ihn aufmerksam geworden?

Also, ich hab mehrere Dummies gemacht. Mit einem habe ich mich bei den Hamburger Fotobuchtagen beworben, bei der man eine Buchproduktion gewinnen konnte. Dort bin ich auf den zweiten Platz gekommen, der Gewinn war ein digitales Buch. Gleichzeitig las ich ein Interview mit SYB in der PHOTONEWS, in dem dieser sagte, einen nächsten Schritt, den er gerne tätigen wolle, sei die digitale Aufbereitung eines Buches. Das war eigentlich für mich der ausschlaggegebende Grund, ihn anzuschreiben. Ich war zögerlich, aber es war wiederum meine Freundin Irina, die mich bestärkte, es auszuprobieren.

Rahime

Und wie war dann der erste Kontakt?

Er hat sich erst mal überhaupt nicht gemeldet. Ich dachte: Okay, der ist wohl zu bekannt und zu beschäftigt. Irgendwann habe ich ihn noch einmal angeschrieben. Und siehe da, er hat mir sofort geantwortet und war vorher einfach durch Projekte und Familie zu sehr beschäftigt gewesen.

Ich wollte dann ziemlich schnell mit ihm über den Preis reden, obwohl es mir voll unangenehm war. Ihm lag es aber auch am Herzen, das zu klären. Er erzählte mir, dass er mit Künstlern Bücher gemacht habe, die dann Preise gewonnen haben, und er habe nie einen einzigen Cent gesehen. Eigentlich hatte ich ihn ja wegen des Digitalbuchs angeschrieben, aber dann haben wir gleich über die Gestaltung eines richtigen Buches gesprochen.

War die digitale Version somit für Dich gestorben?

Das Buch bei Andreas Magdanz war schon angekündigt, aber mir ging das alles zu schnell. Und mein Verleger riet mir, dass ich mich erst einmal auf das konventionelle Buch konzentrieren soll. Bietet man ein Buch als günstige App an, dann wird es möglicherweise schwer, mit dem Papierbuch hinterher zu kommen. Ich hab das digitale Buch aber noch nicht abgeschrieben. Mal sehen, vielleicht irgendwann…

Berichte mal über die Zusammenarbeit mit SYB. Bist Du zu ihm direkt hingefahren?

Nein, erst einmal habe ich Dateien geschickt, meine ersten Zusammenstellungen, die beiden Dummies. Aber er hat sich das Material nur grob angeschaut. Die anderen Entwürfe haben ihn kaum interessiert. Nachdem wir mehrmals gemailt haben, bin ich zu ihm nach Den Haag gereist. Ihm war es vor allem wichtig, mich kennenzulernen. Er sagte mir später mal, er wolle spüren, wie ich über das Thema denke und es präsentiere. Das war auch die Gelegenheit, ihm richtige Prints in die Hand zu drücken.

Wir haben uns im Cafe getroffen, das er als „sein Büro“ vorstellte. Beim ersten Mal wollte er mich gar nicht so gerne in sein Studio lassen. Aber es hat sich schnell eine Arbeitsenergie zwischen uns entwickelt. Ich hab ihm also von meinen Ideen erzählt und wollte ihm dann die Materialien da lassen. Ihm ging es aber viel mehr um das persönliche Zusammentreffen, denn schließlich reichten ihm die digitalen Daten.

Vor einiger Zeit hat er übrigens mal eine Anfrage von einem Museum erhalten, welches eine Ausstellung mit besonderen Dummies machen wollte. SYB konnte ihn gar keines liefern, deshalb, weil er kein einziges besitzt. Er gestaltet ausschließlich am Bildschirm. Ich habe ihn nur insofern als „Handwerker“ kennengelernt, das er z.B. viele Papiermuster besitzt, aber er baut eben keine Dummies zusammen. Übrigens sammelt er auch keine Bücher oder schaut sich ständig andere an. Vielleicht hat er Bedenken, sich zu sehr beeinflussen zu lassen.

Ist SYB jemand, der über Produktionskosten nachdenkt, wenn er etwas konzipiert?

Wir haben frei gestaltet. Ich fragte ihn manchmal vorsichtig, was eine bestimmte Komponente wohl kosten möge. Und er reagierte dann erstaunt: Wenn wir jetzt schon über Preise reden, na dann…Das gefiel mir als Aussage sehr. Erst mal machten wir uns frei von ökonomischen Erwägungen und schauten, ob etwas funktioniert. Das ist der Unterschied. Ich hätte die ganze Gestaltung von einem Graphikdesigner bei Kehrer vornehmen lassen können. Da wäre definitiv der Einwand gekommen, dass man aus Kostengründen bestimmte Dinge nicht machen könne. Ich wäre gebremst worden bzw. hätte die Vielfalt der Möglichkeiten gar nicht erkannt, weil sie mir niemand aufgezeigt hätte.

Ich hab SYB gewählt, denn mir war immer klar, dass ich mich in dieser Bücherflut, die heute über uns ergeht, absetzen möchte, in dem ich ein besonderes Produkt erschaffe. Mit zunehmender Beschäftigung mit dem Buchprojekt wurde ich sensibilisiert. Schließlich entwickelt ich mich also zu jemandem, der absolut Wert darauf legt, was für ein Papier man beispielsweise nimmt. Oder welchen Umschlag man auswählt, was dann wiederum viel Diskussionsstoff nach sich zieht. Wann man SYB engagiert, hat man einen Experten, der all diese Überlegungen einschließt. Nur mal ein Beispiel: Die Landschaft Albaniens ist rau, dann muss man eventuell auch ein raueres Papier nehmen. Was ich aber auch gelernt habe: Es muss nicht die teuerste Variante sein. Wenn ein billiges Papier zum Inhalt passt, dann ist das genau richtig.

Kam sein Entwurf schnell zurück?

Das war gar nicht so dringend in dem Moment. Zwar war das Buch schon in der Kehrer- Ankündigung, aber ich wollte ihm Zeit geben. Zu dem Zeitpunkt hatte ich auch noch keinen Text eines Autors. Meine Vorstellung war, dass nach unserem Treffen ein gemeinsamer Entstehungsprozess und Austausch in Gang kommt. Ein paar Monate später hat er mir dann seinen ersten Entwurf geschickt. Als der ankam, war ich sehr nervös. Ich habe ihn geöffnet und sofort gemocht. Es war was völlig Neues, ein anderer Blick auf meine Arbeit. Ich hatte –wie gesagt- vorher schon Zusammenstellungen von anderen Designern vornehmen lassen und musste erkennen, dass mich die Lösungen für die Bildzusammenstellung längerfristig  nicht befriedigten. Nur mal ein kleines Beispiel:  Jeder hätte wahrscheinlich die Landschaften zwischen die einzelnen Porträts gemischt. SYB hat alle Landschaften nach vorne gesetzt, um damit erst einmal eine bestimmte Atmosphäre zur Einstimmung zu kreieren.

Albanien 2010

Also warst Du zufrieden?

Es gab auch Dinge, die ich nicht so glücklich fand. Keinesfalls wollte ich aber sofort Kritik äußern, da ich wusste, dass es grundsätzlich in die richtige Richtung geht. Z.B. wäre mir lieber gewesen, dass die verschiedenen Mannfrauen-Serien nicht auseinandergerissen werden. Ich fand auch, dass die Serien mit den biographischen Archivbildern noch nicht passten. Was tun? Trennen und an das Ende setzen? Wir haben die Bilder mal gemischt, mal separiert. Ich spürte aber, irgendwas stimmte nicht. Die unterschiedlichen Größen meiner Porträts und der Archivbilder ließen sich nur schlecht zusammenfassen. Wir mailten hin und her, und ich merkte schließlich, dass SYB seinen Entwurf gar nicht so gerne verändern wollte, weil er von diesem voll überzeugt war.

Somit befand ich mich im Dilemma. Wir hatten manchmal einen ziemlich kontroversen Emailverkehr. Am Ende war sogar einmal der Punkt, wo ich kurzfristig überlegte, ob ich einen neuen Designer fragen muss.

Aber als unser Projekt völlig zum Stillstand kam und ich verzweifelt war, bat er mich, noch einmal zu kommen. Er erklärte mir, dass es bei seinen anderen Büchern auch immer wieder Streitpunkte zwischen Fotografen und ihm gegeben habe. Und erst der dritte, vierte Neuversuch habe dann für beide Seiten zur Zufriedenheit funktioniert.

Bei einem erneuten Besuch hab ich alle meine Kritikpunkte genannt, aber es gab keine Lösung, denn  SYB fühlte sich ziemlich blockiert. Ich sah schon ziemlich schwarz. Irgendwann hat er eine Pause eingefordert, ist allein in seinem Studio geblieben und hat sich noch einmal an das Buch gesetzt.  Ich kam dann wenig später dazu und er stellte mir eine überarbeitete Version vor, die die Idee mit den Booklets beinhaltete. Und da wusste ich: das ist es exakt! Irgendwie war dies der entscheidende Schub. Das Grundmuster war jetzt stimmig, wir haben über Ausschnitte diskutiert, über den Rhythmus, über kleine Dinge. Wir haben uns zusammengerissen und dann sehr intensiv fast 2 Monate daran gearbeitet. Mir wurde da erst bewusst, wie viel Zeit das Design braucht.

Ich bin gespannt, denn die Fotografin führt mir das Buch als PDF vor. Obwohl ich die Arbeit gut kenne, bin ich überrascht darüber, wie anders der Blick des Betrachters auf eine Geschichte gelenkt wird. Das Buch umfasst 130 Seiten und birgt eine Reihe interessanter Einfälle. Mehrere ausklappbare Seiten dienen dazu, Sequenzen zu präsentieren. In dem Buch befinden sich 13 (!) kleine, mehrseitige Booklets, die Archivfotos der jeweiligen Mannfrau bieten. Das Buch beinhaltet zwei verschiedene Papiere und Seitenformate. Die Platzierung der Texte ist raffiniert vorgenommen, die Typographie angenehm zurückhaltend. Es ist festzustellen: unverkennbar handelt es sich hier um die Handschrift von SYB. Aber es sind keineswegs Effekte, die er benutzt, um ein Buch besser aussehen zu lassen. Die Mittel, die er einsetzt, sind genau kalkuliert, ordnen sich dem Inhalt unter und verzahnen die verschiedenen inhaltlichen Ebenen auf  ideale Weise miteinander. Natürlich wird es etwas anderes sein, das Buch in den Händen zu halten, doch der erste Eindruck: eine eindrucksvoll umgesetzte Arbeit!

Wer hat jetzt eigentlich das Design bezahlt? Gab es Unterstützung dafür aus dem Verlag?

Ich hatte, bevor ich überhaupt wusste, was SYB nimmt, mit Klaus Kehrer gesprochen, und dieser hat mir gesagt, was sie für Design einplanen. Wenn SYB es zu einem ähnlichen Preis machen würde, dann könnte der Verlag es übernehmen. Letztendlich habe ich jetzt alles selbst bezahlt, aber Kehrer hat eine Reihe anderer Kosten aus Kulanzgründen übernommen. Die Produktion mit den vielen Extras unterstütze ich eben auch damit, dass ich die erwähnte Sonderedition anbiete. Das Buch plus 2 Prints auf Pigmentpapier. Bisher hab ich da eine sehr gute Resonanz darauf erhalten.

Qamile

Welche Texte hast Du Dir für das Buch vorgestellt ?

Ich hab überlegt, mit wem ich –analog zu SYB- zusammen etwas entwickeln könnte. Auf  keinen Fall  sollte es einen schwer verdaulichen wissenschaftlichen Text dazu geben. Das hätte zu der Intention der Arbeit und des Buches überhaupt nicht gepasst. Dann habe ich an Sophia Greiff gedacht, die ich gut kenne und deren Texte ich sehr schätze. Wir haben darüber gesprochen und irgendwann war klar, dass sie es macht. Damit sie aber einen Einblick bekommt, wollten wir zusammen für MARE zu einer Mannfrau fahren, die als Fischer arbeitet. Es ist leider geplatzt, weil die Serie schon im Stern und anderen Magazinen publiziert war. Ich hab die Serie verkauft, um meine weitere Arbeit damit finanzieren zu können.

Meine Verabredung mit Sophia war, dass sie experimentieren bzw. frei assoziieren solle, dass sie eben keinen kunsthistorischen Text schreibt und auch keine Reportage erfindet, sondern etwas Abstrakteres kreiert, indem sie mein Empfindungen und Erzählungen literarisch umsetzt. Sie hat dazu meine ganzen Materialien bekommen, Filme, Aufzeichnungen, Gesprächsprotokolle. Es war  etwas Neues und eine Herausforderung für sie, diese Materialien poetisch umzuformen. Sophia hat viel Zeit dafür aufgewandt. Ich hab sie immer voll integriert in meine Entscheidungen und auch beim Design habe ich häufig Rücksprache mit ihr gehalten. Mir war klar, dass das Einfluss auf ihr Schreiben haben würde. Es schien mir  wichtig, dass die Texte als  eigene Einheit funktionieren. Das ist sehr gut gelungen. Ihre poetischen Reflexionen wurden den Bildteilen zugeordnet. Letztendlich machen die Texte die Bilder noch emotionaler.

Es gibt noch einen zweiten Autor. Mein Freund Danail Yankov, der mich auf meinen Reisen begleitet und gefilmt hat. Vor kurzem hat er einen Text über eine neue Arbeit von mir geschrieben, die Babyaufbewahrungsheime in Bulgarien. Der gefiel mir sehr und ich bat ihn daraufhin, die Begegnungen mit den Mannfrauen zu beschreiben. Das ist amüsant zu lesen, man erfährt viel und es ist eine ideale Ergänzung zu Sophias Texten. Seine Texte erscheinen in einem Anhang. Ich hab  dadurch eine dokumentarische und eine poetische Ebene drin. So wie letztendlich meine Arbeit ist, wird dies auch in den Textgenres gespiegelt.

 Sind Texte grundsätzlich wichtig für Dich?

Einen Text zum Buch zu entwickeln, der nicht nur deskriptiv ist, finde ich schwierig und gleichermaßen wichtig. In meiner Lehrtätigkeit an der HAW  habe ich einmal eine Aufgabe zum Thema „Bild und Text“ gestellt. Wir haben dort ganz verschiedene Beispiele durchgenommen. Etwa Todd Hido. In einem seiner Bücher gibt es ein kleines poetisches Stück, was keine direkte inhaltliche Verbindung zu den Bildern hat. Es hat mich von der Stimmung her so gepackt, dass ich fast Tränen in den Augen gehabt habe. Fred Hüning ist auch ein gutes Beispiel. Er hat auch kleine Texte, die er seinen Bilderserien beigefügt hat, und die mich in eine bestimmte emotionale Verfassung bringen.

Schließlich sollte auch noch ein Text Deines Herausgebers hinzukommen?

Dazu muss man wissen: Vor zwei Jahren nahm ich einer Gruppenausstellung im Kunstmuseum im „Kloster unser lieben Frauen“ in Magdeburg teil. Das ist ein mittelalterliches Kloster, aufwendig saniert, mit Glaskonstruktionen. Das gefiel mir sehr gut und ich hab, als ich das Buch machen wollte, sofort daran gedacht, mit dem Museum zu kooperieren. Also habe ich den Kurator angefragt. Der Zufall wollte es, dass er gerade meine Bilder im NRW-Kunstforum Düsseldorf gesehen hat. Wir haben uns ziemlich schnell über eine Ausstellung geeinigt und verabredeten, dass das Museum eben eine bestimmte Zahl von Ausstellungsbüchern abnimmt. Im Gegenzug sollte dann das Museum als Herausgeber fungieren können.

Geplant war, dass das Museum einen kleinen Text beisteuert. Ich hab an ein Grußwort oder ein knackiges Statement gedacht, möglicherweise in Form eines Beilegers. Das war zu einem Zeitpunkt, als das Design gerade entstand und es noch völlig unklar war, an welcher Stelle der Text untergebracht werden kann.

Als Erscheinungstermin für mein Buch war ursprünglich der November letzten Jahres zu Paris Photo vorgesehen, aber dann formulierte das Museum den Wunsch, dass das Buch genau zur Ausstellungseröffnung im Februar dieses Jahres erscheinen solle. Ich hab zugestimmt, die Verzögerung musste ich halt in Kauf nehmen. In diesen Monaten kam aber nie ein Text und es gab kein Gespräch, in dem wir uns abgestimmt haben. Und dann erhielt ich kurz vor dem Druck einen überlangen Text, der überhaupt nicht passte, weil er den Inhalt des Buches mehr oder weniger beschrieb.

Wie hast Du darauf reagiert?

Das war noch nicht alles. Es kamen Forderungen vom Herausgeber, dass ich inhaltliche Veränderungen vornehmen solle, z.B. die Indexbeschreibungen sollten gestrichen werden, ebenso Klappseiten, das Format sollte kleiner werden. Klaus Kehrer hatte mit der Museumsdirektorin diese Korrekturen beschlossen und ich kriegte  in einem Mail mitgeteilt, dass dieser Entwurf realistischer sei. Plötzlich sprachen die beiden von einem anderen Buch. Wie kann das Museum, das im Verhältnis zu den Gesamtkosten einen eher kleinen Zuschuss zugibt, einen derartigen Einfluss nehmen?

SYB und ich haben Monate an dem Buch gearbeitet und plötzlich fühlte ich mich nicht mehr ernst genommen durch den Fakt, dass alles gestrichen wird und das Konzept zusammenbricht. Das Museum hat mich dann vor die Alternative gestellt: ihr Text muss rein oder sie springen als Herausgeber ab. Ich war konsterniert, auch deswegen, weil ich so viel Zeit verloren habe. Zunächst wollte ich die Ausstellung nicht machen. Mittlerweile haben wir uns wieder angenähert. Das Land Sachsen-Anhalt hat davor einen Ankauf meiner Bilder getätigt, die in der Sammlung verbleiben. Das Geld dafür habe ich in die Produktion einer großen Ausstellung gesteckt. Zu dem Zeitpunkt waren die Vorbereitungen in vollem Gange und ich zeige jetzt dort mehr als die angekauften Bilder. Letztendlich wollte ich die Ausstellung gut über die Bühne kriegen. Aber in mein Buch möchte ich mir definitiv nicht reinreden lassen und habe die Notbremse gezogen.

Osmani

Du musstest plötzlich auf ein fest eingerechnetes Budget verzichten?

Als ich unsere Zusammenarbeit aufgekündigt habe, stand ich ohne Herausgeber da. Daraufhin kontaktierte ich F.C. Gundlach,  zu dem ich ein gutes Verhältnis habe und den ich  allgemein um Rat fragen wollte. Herr  Gundlach ist jemand, der meine Arbeit schon länger begleitet. 2009 habe ich die ersten Bilder in der Akademie der Künste in Berlin ausgestellt und er hat die Serie  gekauft. Das hat mich damals sehr gefreut, weil die Bilder bei ihm gut aufgehoben sind. Als ich nun bei ihm war  und das ausgearbeitete Layout präsentierte, war er sofort überzeugt, dass genau diese Extras, die gestrichen werden sollten, unerlässlich für das Buch seien. Ich war glücklich, einem Gesprächspartner gegenüber zu sitzen, der die gleichen Auffassungen vertrat. Ich hab alle Karten auf den Tisch gelegt, was die Produktionskosten betrifft, und F.C. Gundlach hat spontan entschieden, selbst als Herausgeber einzuspringen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Er schreibt nur einen kleinen Grußtext, hat aber keine weiteren Bedingungen gestellt.

War Dir eigentlich von vorneherein klar, dass Deine Serie irgendwann als Buch erscheinen soll?

Mir war immer eine Ausstellung wichtiger als ein Buch. Ich hab erst spät gemerkt, welche Möglichkeiten ein Buch birgt. Vielleicht bin ich deshalb jetzt so von dem Gedanken besessen, dass ich das Bestmögliche herausholen will. Im Idealfall schaffe ich so eine Form, die auch über einen längeren Zeitraum Bestand hat. Das ist mit viel Nachdenken verbunden. Mit einer Ausstellung verhält es sich ähnlich. Ich finde es spannend, mich mit großen Formaten und Räumlichkeiten auseinanderzusetzen. Aber jetzt merke ich, dass diese ganze Gedankenarbeit auch in einem Buch umgesetzt werden kann.

Hast Du nach dieser intensiven „Gedankenarbeit“ erst einmal genug von der Buchproduktion?

Nein, ich glaube, ich werde nicht ohne das Büchermachen auskommen können. Jetzt habe ich erst einmal sehr viel gelernt und bin abgehärtet. Die geeigneten Texte finden, das passende Design schaffen, die richtige Entscheidung treffen, ich glaube, es wird immer wieder Hindernisse geben, die man überwinden muss.

Ich  werde mit dem gleichen Einsatz am nächsten Buch arbeiten und ich suche nicht immer die einfachste Lösung. Manchmal scheint die Welt zusammenzubrechen, aber dann geht es doch weiter. Für mich sind die Erfahrungen dieses langen Entstehungszeitraums überaus wichtig, vielleicht ist das Endprodukt gar nicht mehr so bedeutend. Aber natürlich wäre ich froh, wenn das Buch etwas ist, was ich auch nach Jahren noch gerne zeigen mag.

Pepa Hristova. Sworn Virgins. Kehrer Verlag. Heidelberg 2013. ISBN 978-3-86828-347-1. 136 Seiten mit 13 Booklets, 138 Farb- und S/W-Abb., ca. 49,90 Euro. (Das Buch erscheint im April.)

Die SWORN VIRGINS Collectors Edition erscheint in einer Auflage: 50 + 5. Sie besteht aus dem Buch und zwei signierten Pigmentprints, ca. 22 x 26,5 cm . Sie kostet 128,- € (incl. Mwst., plus Versand). Der Preis gilt bis zum Erscheinen des Buches. Alle weiteren Infos unter: http://ostkreuz-store.de/editions/9

Weitere Infos zu Pepa Hristova unter: http://www.pepahristova.com

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Kategorie: Input Blogbuch

Interview mit Winfried Heininger, Kodoji Press

Februar 28, 2013 by

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Ergänzend zur Printausgabe der PHOTONEWS starteten wir Ende 2011 einen Blog zum Themenschwerpunkt Fotobuch mit Rezensionen, Interviews und Debatten. PHOTONEWS Blogbuch wird von dem Fotobuch-Experten Peter Lindhorst betreut.

Input Blogbuch

Interview mit Bruno Ceschel, SPBH

(Text-)frei und ungebunden – Ein Vortrag von Peter Lindhorst

Interview mit Hannes Wanderer in Photonews 10/2015

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Debatten

Bücher machen um jeden Preis?

Bücher machen um jeden Preis? PHOTONEWS-Umfrage

Interview mit Winfried Heininger, Kodoji Press

Wie in PHOTONEWS März 2013 angekündigt veröffentlichen wir hier das komplette Interview mit Winfried Heininger. "Another stylish design from Winfried Heininger“ meinte Martin Parr  über das neue Buch von Pietro Mattioli. In der Tat haben die Bücher aus Winfried Heiningers Kodoji-Verlag etwas gemeinsam:  sie sind ungewöhnlich bis sperrig, aber geschätzt. Wir sprachen mit dem Verleger und Gestalter.  

Denis Brudna: Du hattest bis 2007, dem Gründungsjahr von Deinem Kodoji-Verlag, schon viel mit Büchern und deren Verkauf zu tun, auch als Gründer und Mitinhaber von Schaden.com in Köln. Haben Dich die Erfahrungen nicht abschrecken können?

Winfried Heininger: Nein, eigentlich nicht.Von Haus aus war und bin ich ja Gestalter und habe mich neben den Büchern immer mit anderen Themen beschäftigt, wie Grafik-Design, Mode und Interior-Design. Hätte ich mich nur Büchern gewidmet, wäre das sicherlich etwas anderes gewesen, aber so konnte ich mir immer die Rolle eines Beobachters bewahren. Als wir 1998/99 Schaden.com gründeten, war der Buchmarkt noch sehr traditionell unterwegs, eher ge­mäch­lich und konventionell. Das hat sich dann ab Anfang/Mitte 2000 langsam verändert. Die Gründung von Kodoji Press war und ist eher als Reaktion auf diese Veränderungen zu verstehen – der Versuch, Antworten auf neue Bedingungen zu finden. Für mich sind Erfahrungen immer Grundlage für Neuanfänge und Neuausrichtungen. Der Mensch an sich möchte ja eigentlich immer alles so bewahren, wie es ist – bitte nur keine Veränderungen – aber aus tiefgefrorenen Zuständen ergeben sich nun mal keine Neuerungen.

Winfried Heininger

Du hast vor einiger Zeit in einem Gespräch gesagt, dass mit den Büchern junger, unbekannter Fotografen kein Geld zu machen ist. Hat sich an der Situation inzwischen etwas geändert?

Grundsätzlich ist es eher schwierig, mit den Publikationen junger, unbekannter Künstler Gewinne zu erzielen. Der Aufwand, die Bücher an die Plätze zu bekommen, die wichtig für die Repräsentation und den Verkauf sind, ist enorm und es braucht ein hohes Maß an Leidenschaft, um diese Aufgabe konsequent zu verfolgen. Ich glaube, das wird allgemein unterschätzt, auch von den Künstlern. Die sehen vielleicht nur: „Ahhh … mein Buch ist ausverkauft!“ Sie wissen aber häufig nicht, was es dazu bedarf. Ich meine, zu guter Letzt hat jeder Verlag oder jedes Verlagsprojekt so seine eigenen Ideen der Umsetzung und bei manchen ist der Vertrieb auch nicht wirklich das vordergründigste Ziel.

Müssen Dir die einzelnen Buchprojekte persönlich gefallen oder realisierst Du auch Bücher, die Du allgemein für wichtig hältst?

Neben dem Kriterium, dass Buchprojekte mir persönlich gefallen sollten, gibt es natürlich noch weitere Beweggründe, Bücher zu realisieren. Da hat jedes Buchprojekt seine eigenen Kriterien.  Wichtig ist, dass man sich treu bleibt und sich dem Buchinteressierten ein entsprechend programmatisches Bild vermitteln lässt.

Ich denke, am Schluss geht es immer darum, ob man selbst einen Zugang zu der Arbeit des Künstlers hat oder nicht. Ohne die Antizipation der künstlerischen Arbeit ist eine Umsetzung oder Transformierung dieser in eine Publikation, so wie ich sie mache, nicht möglich. Lose zusammengefasst heißt das für mich: Zuerst der Versuch der Wahrnehmung und über die inhaltliche Auseinandersetzung zur Umsetzung.

Du sagst, dass Du jungen Autoren eine Chance bieten möchtest. Spielt da ihre Foto-Markt-Kompatibilität eine Rolle oder suchst Du die einzelnen Projekte ganz subjektiv aus?

Nein, über Markt-Kompatibilität mache ich mir bei der Auswahl eines Autors keine Gedanken. Ich glaube, das wäre der falsche Weg und würde sich in einem zu diversen Programm niederschlagen. Bei sogenannten großen Verlagen muss man da sicher schon andere Kriterien anlegen. Bei mir erwartet der Interessent etwas über Markt-Kompatibilität hinaus, einen kuratorischen und künstlerischen Standpunkt, Publikationen und Themen die Fragen aufwerfen, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Die kann man schön finden, mit denen kann man hadern und sie können im besten Fall Anlass zum Nachdenken geben.

Dein Credo lautet, dass Kodoji Press nicht kommerziell sein soll. Dennoch entstehen bei der Produktion und bei dem Eigenvertrieb Kosten, die gedeckt werden müssen. Wie finanzieren sich die einzelnen Buchprojekte?

Das ist auch wiederum ganz unterschiedlich. Meist aber muss das Geld für die Produktion einer Publikation vorher durch vielfältige Weise gefunden werden. In kleineren Ländern wie Holland und in der Schweiz gibt es Stiftungen, die Produktionen einzelner Projekte unterstützen. Manchmal gibt es Beteiligungen von Galerien, Museen und privaten Ausstellungsorten. Schluss­endlich existiert die Möglichkeit, einzelne Projekte über Crowdfunding zu lancieren sowie Spezial-Editionen im voraus zu verkaufen, auch das ist ein äußerst erfolgreiches Modell. Immer gilt, dass man bereits über ein gutes Netzwerk von interessierten Unterstützern verfügen muss.

Wie läuft die Auswahl praktisch ab? Recherchierst Du selbst in der Fotoszene nach interessanten Projekten oder kommen Fotografen auf Dich zu und bieten ihre Serien an?

Das Ganze wächst eigentlich sehr homogen. Es ist wie eine kleine Familie. Ich bin viel unterwegs und  so in der Lage, eine Menge Arbeiten junger Künstler zu sehen. Es gibt weltweite Cluster, in denen man sich bewegt, und dann hat man doch sehr schnell Kontakt zu interessantesten Menschen. Meist gehe ich auf die Künstler zu oder Künstler, mit denen ich schon arbeite empfehlen mir Kollegen. Des Weiteren gibt es regen Austausch mit Kuratoren, Sammlern und natürlich auch Galeristen.

Wie viele gute Bilder muss ein Fotograf haben, damit es relevant ist, über eine Publikation nachzudenken?

Darauf kann ich nur Hans-Peter Feldmanns Künstlerbücher der 60er und 70er Jahre zitieren. Da gab es ein Büchlein mit einem Bild, eines mit vieren, fünfen und so weiter. Die Anzahl an sich spielt keine Rolle. Die Arbeit und deren Intention machen am Ende die Menge der Abbildungen aus, die es braucht, um eine Arbeit angemessen zu repräsentieren.

Wir leben in Zeiten, in denen jeder Fotograf ein Buch machen möchte. Erleben wir gerade eine sich bildende Blase oder ist das Fotobuch ein Zeichen für die Emanzipation der Fotografen, die nicht darauf warten wollen, entdeckt zu werden und die Öffentlichkeit über das Medium Buch erreichen möchten?

Puuuh … schwer zu sagen. Ich glaube schon, dass wir uns inmitten einer großen Blase befinden. Mal sehen, wann die platzt. Wahrscheinlich erst dann, wenn alle, die aus spekulativen Gründen Foto­bücher sammeln, gleichzeitig ihre Bücher verkaufen wollen.

Aber nun mal ernsthaft: Da heute fast jeder sein illustriertes Buch selber herstellen kann, geht es durchaus demokratischer zu. Die Vielzahl der Publikationen ist sicherlich auch der wachsenden Zahl der Fotografen und Künstler geschuldet und dem  daraus resultierenden Mangel an Ausstellungsmöglichkeiten.

Für mich ist aber der emanzipatorische Aspekt folgender, dass das Buch heute für den Künstler nochmals ganz andere Möglichkeiten der Herangehensweise bietet und neue Erfahrungen durch die inhaltliche Auseinandersetzung mit der eigenen künstlerische Arbeit ermöglicht. Vielfach schafft ein gutes Buch ein neues Bewusstsein und bietet zu guter Letzt auch noch die Möglichkeit der Definition der eigenen Arbeit. Diese Wechselwirkung, von Buchseite zur Betrachtung der Arbeit im Raum, ist nicht zu unterschätzen.

Wie behältst Du bei der ständig wachsenden Fülle von neuen Publikationen den Überblick?

Das ist wirklich kaum möglich. Gerade bei kleineren Auflagen ist es schwer, den Über­blick zu behalten. Meist werde ich aber von Freunden, Künstlern und Kollegen über interessante Publikationen unterrichtet. Zum Glück tauschen wir uns alle untereinander aus.

Laut früherer Äußerungen verstehst Du die bei Kodoji Press verlegten Bücher als Gesamtkunstwerke, bei denen Fotografien, Design, Papier und Haptik aufeinander abgestimmt werden sollen. Inwieweit akzeptierst Du Dir vom Fotografen vorgelegte gestalterische Konzepte?

Gesamtkunstwerk ist mir etwas zu hoch gegriffen. Ich möchte gerne zusammen mit einem Künstler ein Buch entwickeln, das der Intention und dem Inhalt seiner Arbeit entspricht. Das heißt auch, dass sich der Künstler zuerst einmal mir gegenüber in dieser Richtung präzisieren muss. Am Ende soll ein Objekt entstehen, welches einer natürlichen Formfindung entspricht. Eine Interaktion zwischen einer starken Arbeit und einer klaren Vision, was das Buch am Ende darstellen soll. Form follows content!

Sollte dieses Vorgehen deckungsgleich mit dem Vorgehen eines vorgelegten Konzeptes sein, dann steht einer Akzeptanz eigentlich nichts mehr im Wege.

Pietro Mattioli. Two Thousand Light Years from Home

Ein aktuelles Beispiel aus dem Kodoji-Verlag ist das Buch „Two Thousand Light Years from Home“ von Pietro Mattioli. Was hat Dich konkret bewogen, dieses Projekt als Buch zu produzieren?

Als Pietro vor Jahren diese Arbeit in Zürich ausstellte, entschieden wir uns gemeinsam, ein Buch daraus zu machen. Ich schätze Pietro als Person und Künstler sehr und darum ist in diesem Fall die Frage des Beweggrundes nicht so eindeutig zu beantworten. Die Arbeit in sich fand ich sehr kohärent und deren Entstehungsgeschichte war schlussendlich der Auslöser. „Two Thousand Light Years from Home“ entstand in einer Zeit, als Pietro nur nachts in der Reichweite des Babyphones arbeiten konnte. Was konnte er anderes tun, als in der unmittelbaren Umgebung seines Wohnquartiers zu flanieren und deren alltäglichen Absurditäten festzuhalten? Die Foto­grafien zeigen kein großes Spektakel. Seine Trouvaillen, freigestellt mit einem Blitz, stehen inmitten der schwarzen Nacht und bleiben dennoch eingebettet in ihrer direkten Umgebung.

Allerdings ist für mich auch immer ein wichtiges Kriterium, dass eine einzelne Arbeit eingebettet ist in einen künstlerischen Denkansatz. Was mich also grundsätzlich an Pietros künstlerischen Arbeit interessiert, ist, dass er immer ein stiller Beobachter und Archivar seiner Interessen und Umgebungen ist, ob als junger Porträtist der Züricher Punk-, New-Wave- und Kunstszene, oder als Dokumentarist der Protest-Graffitis der 80er Jahre in Zürich, bis hin zu der Frage, welche Nachbilder die Moderne erzeugt.

Du betonst, dass Dir neben dem Inhalt auch das Design, die Typographie, das verwendete Papier des Buches sehr wichtig sind. Wenn wir das Mattioli Buch betrachten, was waren hier die wesentlichen Kriterien?

Zuallererst war die Idee, ein höheres Volumen zu kreieren. Wir suchten nach einem gestrichenen Papier, welches einen ungestrichenen Touch vermittelt. Dazu sollte das Buch nicht endbeschnitten und die halbverschlossenen Seiten der Druckbögen noch mit einer Sonderfarbe versehen werden. Zusätzlich bat ich die Buchbinderei nach 3 Bögen die Faltrichtung zu ändern, so dass die Öffnungen der unbeschnittenen Seiten sich einmal oben und dann wieder unten befindet. Das Ganze sollte dazu dienen, den Betrachter in seiner Aufmerksamkeit zu verlangsamen. Da Pietros wesentliches Interesse der Moderne gilt, war es für mich naheliegend, diesem in Typographie und Gestaltung nachzukommen. Alle fotografischen Abbildungen wurden im Offset gedruckt, die Textseiten und der Umschlag im Buchdruck. Das Umschlagsmaterial ist durch seine handgeschöpfte Struktur als Reminiszenz zu verstehen und wird durch den Buchdruck noch haptischer. Am einfachsten, man nimmt das Buch einmal selbst in die Hand und lässt sich überraschen, was passiert!

Wie gehst Du bei dem Vertrieb der Bücher vor, wenn sie nicht über Grosso oder durch Amazon vertrieben werden?

Da muss ich nochmals zurückkehren auf die Gründungszeit von Schaden.com. Allein das ange­häng­te '.com' im Namen war dazumal eine Trotzreaktion auf Amazon.com, die  schon dick im Geschäft waren. Man konnte absehen, dass sich dieses Geschäftsfeld noch unglaublich entwickeln würde. Eigentlich freue ich mich meist sehr, wenn eine Marktkonzentration stattfindet, denn das macht wiederum viel Platz frei für neue Ideen und erlaubt den kleinen Fischen, sich freier und flinker zu bewegen. Bis heute mache ich meinen Vertrieb ganz bewusst selbst. Ich hatte schon von vielen Distributionen Anfragen und ich schließe auch eine zukünftige Zusammenarbeit nicht aus, aber bei den Büchern die ich bis heute mache, ist es vielleicht besser und einfacher, wenn ich die Buchhändler weltweit selber beliefere. Ich versuche das mal zu erklären: In den großen Vertrieben endet 1 Titel in einem Katalog unter 2.000 anderen, beschrieben mit einer s/w Seite plus einer Abbildung des Covers. Wie um Gottes Willen soll der Buchhändler genau diesen Titel nun finden und auswählen? Ich glaube, die Idee des Vertriebs wird sich in der nahen Zukunft nochmals grundlegend verändern müssen. Auslieferungen hingegen wären für meinen Bedarf eher sinnvoll. Da ich mich aber nicht nur auf ein Land konzentriere und in diesem meinen Hauptumsatz generiere, wäre der Umgang mit vielen Partnern in diversen Länder für mich als Mini-Verlagsprojekt administrativ nicht zu lösen. Was ich damit auch sagen möchte, ist, dass es weltweit nicht mehr allzu viele Buchhändler gibt, die sich auf Kunst und Fotografie spezialisiert haben. Vielleicht schaffe ich es ja, all diese zu bedienen, aber natürlich stoße ich dabei auch an meine Grenzen. Ich glaube es gibt keine Nonplusultra Lösung. Das A und O sind bis jetzt nach wie vor Erfahrung, eine gute Adressdatenbank und viele persönliche Kontakte.

Ist für Dein Verlagsprogramm die ISBN-Nummer überhaupt noch wichtig?

Das ist eine gute Frage. Bis jetzt habe ich die ISBN-Nummer nie in Frage gestellt. Ich glaube, sie ist auf jeden Fall länderspezifisch sehr wichtig. Sie schadet nicht – im Gegenteil – sie hilft den Buchläden und Bibliotheken bei der Suche, Pflege und Verwaltung der Daten und das am Ende auch weltweit. Vielleicht ist die ISBN-Nummer für die Museumsbuchhandlung in Mexico City nicht wirklich wichtig, um eine Bestellung an Kodoji Press auszulösen, aber z. B. für die Buchhandlung Walther König ist es weiterhin ein sehr wichtiges Instrument, sich einen Weg durch die Wirrungen der Neuerscheinungen zu bahnen.

Ist das Internet mit all seinen Foren und Blogs eine Vertriebsalternative für fotografische Bücher?

Auf jeden Fall sind die Möglichkeiten durch den regen Austausch größer geworden. Die Blogger werden immer wichtiger. Nur die Top-Listen am Ende eines Jahres sollte man wirklich abschaffen. Man kann vermehrt feststellen, dass Bücher und deren Inhalte nicht mehr nach eigenen Interessen gekauft werden, sondern nach  Listen. Kunden verschmähen ein Buch und sobald es in einer Liste erscheint, wird es dann doch gekauft. Vielleicht ist das nur allzu menschlich, aber ich würde mir wirklich wünschen, dass die Käufer sich wieder eher auf ihre eigenen Wünsche, Instinkte und Interessen verlassen.

Wonach bestimmst Du die Auflagenhöhe der einzelnen Bücher?

Dazu gibt es keine pauschale Antwort. Jedes Projekt hat seine eigenen Kriterien. Mal bestimmt das Budget die Auflage, mal das Projekt oder die künstlerische Arbeit selbst. Ein Zeitungsprojekt wie 'The Daily Exhaustion' von Anouk Kruithof kann in einer 5.000er Auflage erscheinen, weil es einen hohen Verbreitungsgrad erreichen sollte. Wir haben die Publikation für nur 5,– Euro verkauft und Anouk hatte sich erbeten, dass das Publikum in ihren Ausstellungen die Publikation kostenfrei von einem Stapel mitnehmen konnte. Die Publikation war also von Beginn an auch als Teil ihrer künstlerischen Arbeit gedacht.

Wie stehst Du zu der Möglichkeit, Bücher als e-Books oder APPs im Internet zu verkaufen? Gibt es da einen Markt, der auch gewisse Umsätze generiert?

Ich bin grundsätzlich sehr dafür. Als das erste iPad herauskam, haben wir dazu an der Hochschule in Lausanne im Master Art Direction einen Workshop veranstaltet. Die Studenten entwickelten damals schon wirklich interessante Ideen, obwohl sie überhaupt nicht an die Zukunft des i-Pads glaubten und sich regelrecht der Idee versperrten. Auch damals ging es mir immer darum, sich der Vielfältigkeit des Mediums nicht zu verschließen, sondern zu öffnen. Es geht um die Integration von bewegten Bildern, Audio und der Vernetzung des WWW. Allerdings glaube ich im Kunst- und Fotografiebuchsektor nicht daran, dass man einfach ein PDF erstellen kann und sich daraus tolle Umsätze generieren lassen. Woran ich hingegen glaube, ist, dass man durchaus kommerziell erfolgreich sein kann, wenn man die Möglichkeiten des Mediums ausschöpft und das e-Book oder APP als Erweiterung zur Herausgabe des klassischen Buches sieht. Das heißt aber auch, dass man für die Produktion der APPs wiederum ein Budget einplanen muss.

Meine Frage wäre eher, warum entdecken die Museen eigentlich nicht vermehrt die Möglichkeiten der APPs als Ausstellungsguide? Mit einer APP lassen sich doch die Informationen zu der Person eines Künstlers und seiner Werke vielfältiger vermitteln. Das Ganze könnte dann noch mit einer integrierten digitalen Publikation ausgestattet sein.

Künstler- und Fotobücher, die in kleinen und Kleinstauflagen produziert werden, sind ein Teil des explodierenden Fotobuchmarktes. Es gibt hierfür inzwischen international einige spezialisierte Messen. Kannst Du dir vorstellen, dass es irgendwann mutige Enthusiasten geben wird, die neue Vor-Ort-Buchläden gründen, in denen man all diese von Alternativverlagen produzierten Bücher sehen und kaufen kann?

Es gibt sie schon, diese mutigen Enthusiasten. Eine immer größer werdende Anzahl junger Kunstinteressierter eröffnet neue Buchhandlungen und das weltweit. Es gibt Beispiele in New York, Amsterdam, Brüssel, Berlin, Melbourne, Mailand, Los  Angeles,  um hier nur einige zu nennen. Warten wir ab, was daraus entsteht. Ich glaube schon an die Ernsthaftigkeit der Bestrebung, aber meist wird der Aufwand unter- und die Erwartung an das Resultat überschätzt. Vielfach verfolgen diese Projekte aber auch keinen kommerziellen Zweck, sondern bieten eine Plattform für Präsentationen und Diskurse. Ansonsten habe ich den Eindruck, dass das Phänomen der wachsenden Zahl der Künstler- und Fotobuchmessen eher einem gesellschaftlichen Eventgedanken folgt, anstatt Ersatz für die verschwundenen Buchhandlungen zu bieten.

Kann man pauschal sagen, wie lange es dauert, bis eine Auflage von, sagen wir, 500 Büchern über die von Dir genutzten Kanäle verkauft sind?

Das kann ich pauschal wirklich nicht beantworten. Manchmal in 2 Monaten, in 6 oder in 12 Monaten. Das hängt ein wenig vom Thema der Arbeit ab, von vielleicht laufenden Ausstellungen des Künstlers, Besprechungen in Magazinen, Zeitungen und Blogs.

Wie werden die Kodoji-Bücher gedruckt? Im Offset oder auch im Digital-Druck?

Eigentlich werden die meisten Bücher im Bogen- oder Rollenoffset gedruckt. Es gibt aber auch Ausnahmen wie z. B. 'Oil 'und 'Dictators' von Peter Tillessen oder 'Omoide Poroporo' von David Favrod, die auf Xeroxdruckern hergestellt wurden.

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Kategorie: Input Blogbuch

Von der Lust am Bucherfinden und dem Hang zur Selbstausbeutung. Misha Kominek im Gespräch.

November 28, 2012 by

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Input Blogbuch

Interview mit Bruno Ceschel, SPBH

(Text-)frei und ungebunden – Ein Vortrag von Peter Lindhorst

Interview mit Hannes Wanderer in Photonews 10/2015

Interview mit Klaus Kehrer

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Bücher machen um jeden Preis?

Bücher machen um jeden Preis? PHOTONEWS-Umfrage

Von der Lust am Bucherfinden und dem Hang zur Selbstausbeutung. Misha Kominek im Gespräch.

Misha Kominek hat mehrere Vorhaben gleichzeitig am Laufen. Da schwirrt mir unweigerlich die Zeile des „Berlin“- Songs von Kraftklub durch den Kopf „Ich habe da gerade so n' Projekt - super! Noch nichts Konkretes, aber sehr geil, businessmäßig hab ich mich da noch nicht festgelegt.“ Doch während sich Kraftklub unverhohlen lustig macht über das Geschwafel Berliner Pseudo-Kreativer, redet der Ausstellungsmacher, Büchermacher, Galerist, Buchhändler und, ach ja, Fotograf nicht nur, sondern hat eine Reihe von beachtenswerten Projekten während der letzten Jahren realisiert. Kürzlich ist ein wunderbares kleines Buch von Alec Soth erschienen, jüngst wurde die Ausstellung mit Irina Ruppert in seiner Galerie eröffnet. Zwischendurch ging es mal eben zur Offprint nach Paris. Und gerade schicke ich dem rührigen Macher aus Berlin noch eine Anfrage, als er mit Rinko Kawauchi in seiner Galerie zusammensitzt, um ein gemeinsames Buch zu koordinieren. Der Mann ist beschäftigt!

Misha, du bist zurück aus Paris – hat es sich gelohnt?

Misha Kominek (rechts im Bild) bei der Offprint Paris 2012

Paris ist immer für einen Café au lait gut, vor allem im November. Irgendwie ist die Stimmung in Paris ungebrochen positiv während der Paris Photo. Es war mehr als schlau von Yannick Bouillis, vor einigen Jahren die Offprint Buchmesse parallel zur Paris Photo zu gründen. Dieses Jahr war es allerdings die mit Abstand beste Offprint-Veranstaltung. Die architektonischen Gegebenheiten in der „École nationale supérieure des beaux-arts“ sind großzügig und für Besucher einladend. Die Räumlichkeiten waren nicht so verschachtelt wie zuletzt, so dass die Leute automatisch an allen Ständen vorbeigeleitet wurden.

Wurden deine (kommerziellen) Erwartungen an diese Veranstaltung erfüllt?

Ich hab das Gefühl, dass Leute in Frankreich die meisten Fotobücher eher bei Messen und ähnlichen Veranstaltungen kaufen (Paris, Arles). Für mich ist die Offprint Paris jetzt schon im dritten Jahr mit Abstand die kommerziell erfolgreichste Buchmesse. Das ist kombiniert mit der eigenen Entdeckung einer unglaublichen Fülle von interessanten, mir noch unbekannten Fotobüchern und gleichzeitig mit dem Zusammentreffen ihrer Macher. Endlich fühlt man sich mal nicht wie der Nischenspezialist, der mit viel Überzeugungskraft den Leuten versucht, etwas zu verkaufen. Man gibt sich tatsächlich für vier Tage der Illusion hin, dass sich alle Menschen auf der Welt für Fotobücher interessieren. Es wurde richtig viel gekauft.

Letztes Jahr war z.B. Viviane Sassen bei dir zum book signing. Hattest du dieses Jahr wieder so einen Hochkaräter an deinem Stand?

Dieses Jahr habe ich u.a. ein book signing mit Alec Soth veranstaltet, er hat das von mir publizierte Buch „Looking for Love, 1996“ signiert, dazu einige Spezialitäten seines eigenen Verlags Little Brown Mushroom, wie etwa „Ohio“ oder“ Upstate“. Lise Sarfati hat ihr brandneues Buch „She“ vorgestellt und tatsächlich war auch wieder Viviane Sassen mein Gast, die „Roxane“ präsentierte.

Das Verrückte war aber, dass sich auch Bücher von weniger etablierten Fotografen richtig gut verkauft haben, z.B. Ester Vonplons „Cudesch da Visitas“, erschienen bei B.Frank Books oder Peter Dekens Leporellobuch „Touch“ von Eriskay Connection. Toll gemachte Publikationen!

Ester Vonplon: Cudesch da Visitas

Gehst du häufig auf solche einschlägigen Events, d.h. auf Messen, Buchfestivals etc.?

Ich war zuletzt auf der Amsterdamer Offprint, auch von Yannick Bouillis organisiert. Die war als erstmalige Veranstaltung viel kleiner als Paris und längst nicht so international. Aber es war trotzdem sehr nett: eine intime Atmosphäre in Verbindung mit der „Unseen“- Messe. In diesem Jahr hatte ich noch ein Heimspiel, die Berlin Book Days. Und dann war ich bereits schon einmal in Paris, weil das Kasseler Fotobuchfestival wegen der documenta dorthin ausgewichen ist. Die Veranstaltungen sind im Grunde doch sehr verschieden. Aber ich empfand alle Veranstaltungen als Höhepunkte, etwa Paris, wo das Kasseler Fotobuch Festival im Le Bal stattfand. Das ist auch ein toller Ort, der mit Ausstellungen, Buchhandlung und einer netten Bar das fotointeressierte Publikum anzieht.

Ich stell mir vor, dass eine Teilnahme einen enormen zeitlichen und finanziellen Aufwand voraussetzt! Lohnt sich das in der Regel für dich?

Meistens ist es tatsächlich eine Nullrechnung mit Anfahrt, Transport, Hotel, Messegebühr etc. Aber ich sehe es als gute Gelegenheit, selbst neue Arbeiten in Buchform zu entdecken und meine Bücher unter die Leute zu bringen. Die Vorbereitungen dazu können sehr aufwendig sein. Aber eine Messe ist ein gutes Forum, um dort eigene Bücher präsentieren und Aufmerksamkeit generieren zu können. Ich hab immer den Ehrgeiz, einige tolle Titel zu finden, die ich dann anbieten kann und book signings mit Fotografen zu machen.

Also ist Aufmerksamkeit eine wichtige Komponente in deiner Kosten-Nutzen-Rechnung?

Absolut, PR ist der springende Punkt, weswegen ich es mache.

Hast du eine feste Stammkundschaft, die du dort wiedertriffst? Kommen auch einschlägige Sammler an deinen Stand?

Das lässt sich schwer beantworten, es kommen so viele. Aber man kennt schon einige Leute, darunter natürlich die festen Sammler, die immer wieder vorbeischauen. Ich kaufe oft Bücher ein, weil ich weiß, dass diese später an den und den Kunden weggehen werden. Um nur mal drei Namen zu nennen: Krass Clement, JH Engström, Anders Petersen. Da gibt es Sammler, die mir davon alles abnehmen. Es gibt aber auch unbekanntere Fotografen, deren Bücher ich einkaufe, weil ich die gut finde. Ich vertraue darauf, dass sich mein Geschmack mit denen meiner Kunden deckt, was die Kriterien für ein gutes Fotobuch ausmacht.

Was sind denn diese Kriterien? Woran merkst du, einen Schatz in der Hand zu halten?

Das Buch nutzt sich nicht nach mehrmaligem Anschauen ab und stürzt mich nicht in Langeweile. Wichtig sind mir die Materialien und das Handwerkliche, also Papier, die Art der Bindung, der Lack, die Farben etc., die eine Korrespondenz zum Inhalt bilden. Für mich hat ein Buch in seiner Gesamtheit etwas Skulpturales. Ich mag gerne, wenn sich jemand gestalterisch was Neues traut. Schließlich ist mir die Editierung bzw. Sequenzierung sehr wichtig, die den Betrachter in eine bestimmte Richtung und an einen Endpunkt bzw. zur Erkenntnis führt.

Sind diese Veranstaltungen, die immer inflationärer stattfinden, die neuen Buchhandlungen? Muss man mobil und flexibel sein und zu den Kunden gehen, statt darauf zu bauen, dass diese bei dir in Berlin hereinschauen oder sich in dein Shop-System auf deiner Internetseite einloggen?

Das könnte man wohl so sehen, auf den Messen verkauft sich viel mehr, weil hier alles konzentrierter stattfindet. Das kann man nicht vergleichen mit meinem Buchverkauf in der Galerie, wo kaum jemand extra vorbeikommt oder mit meinem Online-Verkauf, auch wenn der mittlerweile immer besser läuft. Auf den Messen gibt es einfach so viel interessante Bücher, die der Fotobuchliebhaber in die Hand nehmen und also physisch erfahren kann, d.h. die Haptik, das Papier usw. Solche Veranstaltungen sind die geeigneten Orte, um seinen Fotobuchfetisch ausleben zu können. Und letztendlich geht es beim realen Blättern auch darum, einen Inhalt richtig erfassen zu können.

Wo siehst du den Schwerpunkt deiner Tätigkeit? Bist du in erster Linie Fotograf oder siehst du dich als Vermittler von Fotografie?

Wo mein Schwerpunkt genau liegt, ist schwierig zu sagen: eine Woche arbeite ich als Fotograf, dann bin ich Vermittler. Mir ist das, ehrlich gesagt, total egal. Ich versuche, das zu tun, wozu ich Lust habe und was ansteht. Das ist vielleicht der einzige Luxus, den ich mir leiste.

Wie sieht eigentlich deine Ausbildung aus?

Ich hab mich anfangs für Malerei interessiert, fand aber das Hochschulsystem in Deutschland furchtbar und bin deswegen irgendwann nach Spanien ausgewichen. Dort habe ich eine Ausbildung zum Fotografen absolviert. Das war aber eher eine Art Berufsschule. Die Fotografie hat mich dort gepackt und ich hab viel Zeit in der Dunkelkammer verbracht. Nach meiner Ausbildung habe ich bei einigen Fotografen assistiert. Am Anfang habe ich als Pressefotograf gearbeitet, um mich später auf den Bereich Industriefotografie zu konzentrieren. In dem Genre arbeite ich auch heute noch verstärkt, um Geld zu verdienen, das ich dann meist woanders wieder reinstecke.

Apropos Geld verdienen! Wie bist du auf die Idee gekommen, eine Galerie zu gründen? Bist du ein „klassischer“ Galerist?

Ich bin 2007 nach Berlin zurückgekommen und hab da die Galerie gegründet. Ich sehe mich nur insofern als Galerist, als ich versuche, zwischen Publikum und Fotografen zu vermitteln. Zunächst dachte ich ganz naiv, dass es ausreiche, einen Pool von guten Fotografen zusammenzubringen. Dann wird das schon irgendwie laufen. Aber es braucht am Anfang viel Geld und Ausdauer. Ich will aber keineswegs die Rolle eines klassischen Galeristen einnehmen, sondern diese eher sprengen. Ich hab selbst Erfahrungen mit Galeristen gemacht, die überhaupt keine Ahnung von Fotografie hatten und deren Geschäftsgebaren sehr merkwürdig wirkte. Dagegen arbeite ich entschieden an.

Ausstellungseröffnung: Irina Ruppert – Rodina (Foto: M. Kominek)

Sind deine Ausstellungen erfolgreich? Und wen hast du in deinem Programm?

Zu meinen Ausstellungseröffnungen kommen in der Regel 50 bis 100 Leute. Ich habe Vivianne Sassen, Enrique Metinides, Greg Girard, Andrew Miksys, Birthe Piontek oder zuletzt Zoé Beausire und Maja Forsslund ausgestellt. Es hat seine Zeit gebraucht, bis ich überhaupt Bilder verkauft habe, aber jetzt wird es von Jahr zu Jahr besser.

Das Büchermachen – kam das automatisch als Betätigungsfeld dazu? Wie finanzierst du deine Publikationen? Es sind erstaunliche Bücher bei dir herausgekommen, etwa Enrique Metinides oder „Polaroids of Africa“ von Vivianne Sassen, jetzt zuletzt Alec Soth…großartige Bücher. Wie konntest du z.B. jemanden wie Metinides für ein Buch gewinnen?

Ich wollte schon immer Bücher machen, bevor ich überhaupt an so etwas wie eine Galerie dachte. Es ist eine Mischkalkulation. Die Galeriegewinne finanzieren zum Teil meine Publikationen. Ich investiere Geld, das ich mit meinen Fotoaufträgen verdiene und neuerdings gibt es Partner oder Sammler, die sich an Buchprojekten beteiligen.

Alec Soth und Metinides gehörten schon immer zu meinen Favoriten. Wenn ich jemanden gut finde, gehe ich mit extremer Leidenschaft an die Sache heran. Ich bin sehr inspiriert und will unbedingt ein gutes Buch machen, und diese Energie scheint den Künstler zu überzeugen. Das Konzept für das Metinides-Buch hatte ich von Anfang an im Kopf. Ich habe es genauso dem Fotografen vorgeschlagen und dann Sybren Kuiper als Gestalter gesucht, um es in eine geeignete Form zu bringen. Ich mag mich in der Rolle eines Bucherfinders, der eine bestimmte Grundidee hat und dann mit verschiedenen Teams daran arbeitet.

Wenn irgendjemand einen Verlag gründet, wird er von außen schnell mit Projekten geflutet. Ein unbekannter Fotograf, der eine Buchidee im Kopf hat – wird der auch eine Chance haben, mit dir zusammenzuarbeiten?

Da muss er aber schon drei Sachen mitbringen: Superbilder, Geld und Spaß am Experimentieren.

Musst du nicht sehr kreativ sein im Akquirieren von zusätzlichen Geldmitteln, die du für deine Buch- oder Ausstellungsproduktionen nutzt?

Das ist Neuland, aber ich habe dazugelernt. Tatsächlich gibt es jetzt Beteiligungen von Partnern an Buchprojekten. Diese werden dann am Gewinn beteiligt oder in Naturalien, sprich Prints, bezahlt.

Ist bei dir schon mal ein Titel entgegen deiner Erwartung gefloppt?

Bei mir sind ja insgesamt erst 5 Bücher erschienen. Davon ist keines so richtig gefloppt. Zwei waren sehr schnell ausverkauft. Aber es kann schon zäh sein beim Abverkauf, wenn ich eine Auflage zwischen 500 und 2000 mache. Zum Glück ist Alec Soth jetzt schon so gut wie ausverkauft.

Alec Soth: Looking for Love 1996.

Arbeitest du mit einem professionellen Vertrieb zusammen? Wie stark nutzt du die Kanäle des Social Networks für dich?

Meine Bücher werden durch die GVA in Göttingen und Idea Books in Amsterdam vertrieben. Aber mittlerweile geht alles in Richtung Eigenvertrieb. Das ist ein enormer Aufwand, aber ich hab dabei die volle Kontrolle und der Gewinn ist pro Buch entsprechend größer. Ich biete das Buch dann einschlägigen Buchläden an, von denen es weltweit vielleicht 100 gibt. Aber das ist mehr als genug bei den Special-Interest-Büchern, die ich mache.

Das Internet hilft ungemein, Kunden können auf meiner Seite einkaufen. Beim Social Networking bin ich gespalten, ich mach das zwar mit, aber im Grunde hasse ich Facebook. Es bringt wirklich viel mehr, auf eine gut besuchte Messe zu gehen und dort seine potentiellen Kunden zu treffen.

Du übernimmst auch noch die Funktion eines Händlers und bietest selbst kleine Preziosen anderer Fotografen an. Wie kommst du denn an diese Bücher? Welchen Aufwand betreibst du dazu?

Die Recherche für Titel, die ich schließlich anbiete, verschlingt riesig Zeit. Ich kauf irgendwo 3 bis 5 Bücher ein und es kann passieren, dass ich dann auf denen sitzenbleibe, was überaus ärgerlich ist. Man fühlt sich manchmal wie im Spekulationsgeschäft. Ich investiere in Bücher in der Hoffnung, diese mit Gewinn zu verkaufen. Aber das passiert eben nicht immer. Mir macht es aber immer wieder riesigen Spaß, sogenannte „self-publish“ Bücher aufzuspüren, Bücher von Fotografen, die extrem viel Mühe für die Buchproduktion aufwenden und diese in kleinen Auflagen und dementsprechend ohne großen Vertrieb publizieren.

Kaufst du, wenn du unterwegs bist, ein oder recherchierst du übers Netz?

Klar, ich versuche schon, Bücher direkt auf den Veranstaltungen zu finden. Doch meistens ist überhaupt keine Zeit dazu, da ich ja selbst am Stand stehe und verkaufe. So bleibt mir vor allem das Netz, um Neues zu entdecken. Und nicht zu vergessen, ich berate mich gerne mit Kollegen wie Michael Klein aus der Buchhandlung im Haus der Photographie oder Sammlern, die mich auf ihre Entdeckungen hinweisen.

Sammelst du selbst Bücher? Was hältst du von der Entwicklung, dass Sammler viel, sehr viel Geld für gesuchte Fotobücher hinlegen…

Ich bin kein Sammler. Aber ich kann mich sehr für ein Buch begeistern und kaufe es dann. Genauso gut kann ich mich davon auch wieder trennen, wenn ich nach einigen Monaten das Gefühl habe, dass das Buch nur eine vorgetäuschte Schönheit hatte. Ich finde, es gibt so viele prätentiöse Bücher. Meist nervt mich das überzogene Design.

Der Markt hat sich so entwickelt, dass bestimmte Bücher, die in Kleinauflagen erschienen sind, sehr teuer werden können. Natürlich bin ich selbst Teil des Marktes, da ich mit genau diesen raren, hochpreisigen Büchern Geld verdiene. Aber im Grunde schlägt mein Herz eher für das erschwingliche Buch, das – wie beschrieben – gut gemacht ist, nicht zu exklusiv angeboten wird und eben die Leute über einen Insiderkreis hinaus erreicht.

Special Edition: Irina Ruppert - Rodina. Angeboten in der Galerie. (Foto: Misha Kominek)

In welcher Form arbeitest du lieber mit einem Künstler zusammen? Gemeinsam eine Ausstellung kreieren oder ein Buch konzipieren?

Auch wenn es etwas Besonderes ist, mit einem interessanten Fotografen eine Ausstellung zu gestalten, ist das Büchermachen doch viel aufregender. Man kommt sich sehr nah und kann genau erkennen, wie der andere denkt und arbeitet. Das Büchermachen ist eine viel längere und intensivere Herausforderung und nicht zu vergleichen mit der Organisation einer kleinen, feinen Ausstellung in den Galerieräumen.

Wenn ich z.B. mit Rinko Kawauchi ein Buch konzipiere, ist das ein Prozess, bei dem ich sehr genau Einblicke in die Denkweise der Künstlerin erhalte. Das Buch, das wir gemeinsam planen, wird ihre Kontaktabzüge präsentieren. Dazu müssen wir zunächst das Archiv durchkämmen, uns auf inhaltliche Schwerpunkte einigen und das Material ordnen. Im nächsten Schritt denken wir über das Layout nach bzw. versuchen, eine adäquate Form der Präsentation von Kontaktabzügen zu finden. Es liegen sehr viele Etappen vor uns, bis das Buch letztendlich so ist, wie wir es wollen.

Was dürfen wir von dir in der Zukunft erwarten? Was sind deine nächsten Projekte?

Neben Rinko Kawauchi wird es ein neues Buch von Vivianne Sassen mit Selbstportraits geben. Ein anderes Projekt entsteht mit Andrew Miksys. Thema ist Weißrussland. Und ich versuche gerade, John Gossage zu überreden, ein zweites „The Pond“ über einen Tümpel in der Nähe von Berlin zu machen.

Wir sind letztens zusammen durch Berlin gefahren. Aus deiner Anlage dröhnte Deichkinds „Leider geil.“ Laufen deine Aktivitäten letztendlich auf ein Selbstausbeutungsmodell hinaus, das man nur damit rechtfertigen kann, dass es „leider geil“ ist, da die Lust an der Fotografie dich nicht anders lässt?

Misha Kominek, Offprint Paris 2012

„Leider geil“ ist einfach ein gutes Lied zum Autofahren in Berlin, um die ganzen Radfahrer von der Straße zu fegen. Nein, im Ernst. Meine Leidenschaft ist es, gute Publikationen zu machen. Oder um im Bild zu bleiben: Ich möchte das Fotobuch rocken! Ausbeutungstendenzen gibt es leider, aber es ist immerhin ein unabhängiges Arbeiten. Sollte ich wider Erwarten damit scheitern und den Laden dicht machen, kann ich wenigstens sagen: Ich hab ein paar schöne Bücher mit Leuten gemacht, die ich gut finde. Es ist als Kleinverleger schwierig, aber ich hoffe, nicht unterzugehen. Im Februar nächsten Jahres wird es eine neue Fotobuchmesse in Düsseldorf geben, die von Jeffrey Ladd organisiert wird. Da kommt übrigens ein weiteres Fotobuch heraus mit dem Titel „First Journey Home“… fotografiert von Misha Kominek.“ (Peter Lindhorst)

Weitere Infos unter: http://www.kominekgallery.de

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