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ZEITUNG FÜR FOTOGRAFIE

Input Blogbuch

„Es ist schön, ein vielgesuchtes Buch in der Hand zu halten“.

August 22, 2012 by

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Informationen zu Blogbuch

Ergänzend zur Printausgabe der PHOTONEWS starteten wir Ende 2011 einen Blog zum Themenschwerpunkt Fotobuch mit Rezensionen, Interviews und Debatten. PHOTONEWS Blogbuch wird von dem Fotobuch-Experten Peter Lindhorst betreut.

Input Blogbuch

Von der Lust am Bucherfinden und dem Hang zur Selbstausbeutung. Misha Kominek im Gespräch.

„Es ist schön, ein vielgesuchtes Buch in der Hand zu halten“.

Das Fotobuch als Poldermodell. Ein Gespräch mit Rik Suermondt über Fotobücher und die aktuelle Ausstellung „Feest van het Fotoboek“

Interview mit dem niederländischen Fotobuch-Designer Sybren Kuiper

Die Kreativität des Fotografen Rob Hornstra

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Aktuelles aus dem Blogbuch

Interview mit Bruno Ceschel, SPBH

(Text-)frei und ungebunden – Ein Vortrag von Peter Lindhorst

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Debatten

Bücher machen um jeden Preis?

Bücher machen um jeden Preis? PHOTONEWS-Umfrage

„Es ist schön, ein vielgesuchtes Buch in der Hand zu halten“.

Regina Anzenberger über ihren fotografischen Salon „Bring your photobook“.

R. Anzenberger während eines Treffens von "Bring your photobook". Foto: Kay von Aspern

Regina Anzenberger lebt in Wien und hat dort 1989 die gleichnamige internationale Fotografen-Agentur (www.anzenberger.com) begründet, 2002 folgte zusätzlich eine Galerie. Sie arbeitet selbst als Künstlerin, zeichnet als Kuratorin für zahlreiche Ausstellungen verantwortlich und ist Herausgeberin mehrerer Fotobücher. Vor einiger Zeit hat sie einen kleinen Zirkel gegründet mit dem neugierig machenden Titel „Bring your photobook“. Was verbirgt sich genau dahinter? PHOTONEWS hat nachgefragt:

Liebe Frau Anzenberger, was ist Ihr derzeitiges Lieblingsfotobuch?

Das ist wahrscheinlich gleich eine der schwierigsten Fragen - nach dem Lieblingsbuch, denn ich habe so viele. Aber eines der schönsten Bücher, das ich in letzter Zeit erstanden habe, ist sicherlich das Buch „Portraits from North American Indian Life“ von Edward S. Curtis, 1972 bei Outerbridge and Lazard Inc. erschienen. Ich habe es in einem Altwarengeschäft in Taos/New Mexico erstanden, wo es zwischen lauter Möbel und anderem Kleinzeugs als einziger Buchtitel lag. Es ist dem ursprünglichen Buch von Edward S. Curtis bzw. seinen Portfolios nachempfunden worden, hat ein sehr großes Format, und ist in einem Braunton auf einem sehr rauen Papier gedruckt. Edward S. Curtis wurde mit diesem Buch, das übrigens A.D. Coleman herausgegeben hat, wieder entdeckt, nachdem sein Werk für einige Jahrzehnte in Vergessenheit geraten war.

Betrachtung des Buches von Edward S. Curtis. Foto: R.Anzinger

Eine Neuerscheinung, die mir sehr gut gefällt, ist das Buch „STAND BY“ über Weißrussland des osteuropäischen Sputnik Photo Kollektivs, an dem Fotografen wie Andrei Liankevich, Agnieszka Rayss, Rafal Milach u.a. beteiligt sind. Es ist das jüngste Projekt von Sputnik, das schon einige interessante Bücher herausgegeben hat (Anm. des Autors: Der Band ist über die AnzenbergerGallery zu beziehen).

Wie informieren Sie sich in der Regel über Neuerscheinungen auf dem Fotobuchmarkt?

Ich informiere mich über alle mir verfügbaren Kanäle. Über das Internet natürlich hauptsächlich, aber auch vor allem auf Reisen. Da besuche ich dann die wichtigsten Fotobuchhandlungen, wie zum Beispiel letztens in den USA in Santa Fe „photo-eye“. Dort verbrachte ich gleich einige Stunden und sah mir alles Neue und Interessante an. Ich bringe für die Galerie Bücher mit, die nicht in Europa oder über das Internet erhältlich sind, und die ich bei unseren gelegentlichen „Saturday Showcases“ präsentiere. An Samstagen, an denen normalerweise die Galerie nicht geöffnet ist, besteht dort eine günstige Gelegenheit, diese spezielle Vorstellungsveranstaltung zu machen. Wir sind auf rare, selbstpublizierte und signierte Bücher spezialisiert.
In facebook habe ich übrigens eine Gruppe gegründet, die „ALL ABOUT PHOTOBOOKS“ heißt, wo ein ständiger Austausch mit Leuten stattfindet, die sich sehr gut mit Fotobüchern auskennen und dort ständig neue Informationen posten. Und schließlich erhalte ich von den wichtigsten Verlagen regelmäßig die Programme bzw. Newsletter.

Literaturkreise gibt es viele derzeit. Von einem Fotobuchzirkel habe ich noch nie gehört. Wer ist der Initiator von „Bring your photo book“ und wie ist diese ungewöhnliche Idee entstanden?

Da ich mittlerweile eine sehr beträchtliche Sammlung von Fotobüchern habe, fand ich es immer schade, dass ich diesen Schatz nicht mit anderen Begeisterten teilen konnte. Mit einer Mitarbeiterin habe ich schon oft die Idee gewälzt, einen Kreis von Leuten regelmäßig nach Hause einzuladen, um über ausgewählte Bücher zu diskutieren. Im März 2011 habe ich dann anlässlich der Eröffnung der Martin-Parr-Ausstellung einen kleinen Bookshop in der Galerie eingerichtet. Und dann wurde ich im Gespräch mit Kunden bei unseren „Saturday Showcases für Bücher“ in der Galerie bestärkt, dass wir es einfach im kleinen Kreis auch umsetzen sollten.

Seit wann gibt es den Zirkel? Wo finden die Treffen statt?

Wir begannen Anfang 2012 und die regelmäßigen Treffen finden in der AnzenbergerGallery statt. Jetzt im Sommer habe ich es auch einmal in meinem privaten Garten gemacht, da wir mit der Galerie gerade in die ehemalige Ankerbrot Fabrik übersiedeln.

Foto: Alexandra Eizinger

Ist eine feste und intime Teilnehmerzahl Voraussetzung, damit der Zirkel funktioniert? Oder klappt das auch mit einer großen Gruppe?

Wir gehen vorerst von maximal 10 Leuten pro Treffen aus. Wir wollen aber den Kreis trotzdem langsam vergrößern und dann auch vor allem Leute, die schöne Sammlungen haben, gezielt einladen.

Wie verabreden Sie sich? Aus was für Leuten setzt sich der Zirkel zusammen?

Am Anfang fanden unsere Verabredungen nur per email oder Telefon statt. Wir sind ganz gemischt: Profi- und Amateur-Fotografen, Buchhändler, Fotokritiker, nächstes Mal werden wir auch die Leute von der neuen Fotobuch-Bibliothek, die über der Galerie eingerichtet wurde, einladen. Daneben haben wir eine geschlossene Gruppe in facebook gebildet. Vor allem auch deswegen, damit dort die gezeigten Bücher dokumentiert und Inhalte noch einmal nachvollzogen können werden.

Was geben Sie dem einzelnen Teilnehmer als Bedingung mit auf den Weg? Was muss er in die Gruppe einbringen?

Jeder Teilnehmer sollte Fotobücher sammeln. In welcher Größenordnung das geschieht, ist natürlich egal. Jeder hat ja unterschiedliche Mittel zur Verfügung. Wichtig ist, dass alle Teilnehmer ein besonderes Fotobuch mitnehmen und über das Buch und den Künstler kurz etwas erzählen.

Wie sieht ein gelungener Abend aus? Können Sie den Ablauf einmal beschreiben?

Der Ablauf war beim ersten Treffen ein wenig steif. Fast wie beim Referat in der Schule. Ab dem zweiten und dritten Mal war es allerdings schon viel lockerer. Jeder packt sein Buch aus, und wer will, beginnt und stellt seinen Titel vor. Es kommt auch vor, dass jemand zwei Fotobücher mitbringt und diese präsentiert. Dann werden Fragen gestellt oder diskutiert. Oft redet man dann am Ende generell viel über Fotografie. Mittlerweile ist es mehr ein Plaudern und Austausch über die Bücher, aber auch über Neuigkeiten aus dem Bereich Fotografie. Danach gehen wir immer in ein Lokal und setzen unsere Gespräche noch fort. Es ist immer ein sehr interessanter und gemütlicher Abend, von dem man angeregt nach Hause kommt.

Gibt es irgendwelche Limitierungen bei der Titelauswahl? Wie sehen die Kriterien allgemein aus?

Es gibt überhaupt keine Kriterien. Ich selbst habe sogar beim ersten Mal die beiden Textbücher „The Act of Seeing“ und „Die Logik der Bilder“ von Wim Wenders mitgebracht, weil ich sie als Voraussetzung für das Verstehen von Sehen halte. Es war vielleicht eine Provokation, wurde aber unglaublich gut aufgenommen und die meisten der Teilnehmer haben sich diese Bücher gekauft und lesen sie jetzt.

Fühlen Sie sich manchmal in der Weise inspiriert, dass Sie ein von einem anderen Teilnehmer vorgestelltes Buch anschließend unbedingt für sich erwerben wollen?

Bis jetzt habe ich keines davon erworben, aber es wären schon einige dabei (vor allem antiquarische), die ich auch gerne hätte.

In Deutschland entstanden literarische Salons im 18. Jahrhundert als Orte bürgerlicher Geselligkeit. Ist diese Idee, nämlich Gemeinschaft (und eine gemeinschaftliche Rezeption) zu kreieren, eine Triebfeder Ihrer Gruppe? Oder ist diese Initiative auch deshalb entstanden, um in einem immer unübersichtlicheren Fotobuchmarkt so etwas wie Orientierung zu bieten?

Wie schon erwähnt, fand ich die Tatsache, dass meine gesammelten Bücher nur von mir oder hin und wieder mal von Gästen gesehen werden, zu wenig. Ich bin jemand, der gerne schöne Dinge oder das Wissen darüber auch teilt. Und ich denke, das geht den anderen wahrscheinlich auch so. Der Austausch ist das Wichtigste. Man redet natürlich auch über Neuerscheinungen, aber viele bringen bis jetzt ältere Publikationen mit. Viele Bücher gibt es ja auch nicht mehr oder sie sind schwierig, zu bekommen. Es ist schön, ein vielgesuchtes Buch auch mal in der Hand zu halten und nicht nur in einer Anthologie über Fotobücher abgebildet zu sehen.

Foto: Jacqueline Godany

Ich komme kurz auf Ihre Funktion als Agenturchefin zu sprechen. Welche Bedeutung hat das Fotobuch in Ihrem beruflichen Alltag? Unterstützen Sie Ihre Fotografen in dem Vorhaben, Arbeiten in Buchform veröffentlichen zu wollen? Hat es eine Relevanz für Sie, ob Ihre Fotografen Bücher machen?

Selbstverständlich helfe ich meinen Fotografen dabei, ihre Bücher zu veröffentlichen, indem ich Kontakte zu Verlagen herstelle oder Tipps zur Finanzierung gebe. Und ich kaufe natürlich immer Exemplare für unseren Bookshop, wenn das Buch erschienen ist bzw. ich stelle auch Verbindungen zu anderen Buchhändlern her. Das Fotobuch hat allerdings in meinem beruflichen Alltag in der Agentur überhaupt keine Bedeutung mehr, wo alles digital abläuft. In der Galerie ist es dagegen ein ganz wichtiger Bestandteil. Hier merkt man, dass das Fotobuch zu einem absoluten Sammelobjekt geworden ist.

Wie schätzen Sie ganz allgemein die Zukunft des Fotobuchmarkts ein?

Ich glaube, dass ein Fotobuch nicht mehr die gleiche Wertigkeit für einen Fotografen hat wie noch vor 15 Jahren. Ich selbst habe es mit unseren Büchern erlebt. Das Buch „Regina Maria Anzenberger – 22 FOTOGRAFEN“ (Edition Stemmle, Zürich 1997) stellte den Durchbruch für die Agentur international dar. Die Bücher EAST und WEST (2008 und 2010 erschienen) sind kunstvolle Bildbände mit einem sehr hohen Anspruch, ihr künstlerischer Anspruch macht sie zu Sammlerstücken. Die Auflage und die „analoge“ Verbreitung eines Fotobuches waren 1997 jedoch viel größer als heute.
Die Kosten von Fotobuchproduktionen in Verlagen steigen heute stark. Weniger und weniger Fotografen werden sich ihr Fotobuch leisten können, denn schon heute muss man 10.000-20.000 Euro beschaffen, damit ein Verlag überhaupt ein Buch herausbringt. Im Endeffekt muss man dann weiter da hinterher sein, dass das Buch auch die entsprechende Verbreitung (im Internet und anderen Plattformen) findet.
Geld ist kaum mehr direkt mit einem Buch zu verdienen, außer man macht alles selbst. Darin liegt natürlich auch eine Chance. Ein Buch ist heute wie ein Kunstwerk. Viele Fotografen machen ihre Projekte allein mit dem Ziel, anschließend ein tolles Buch daraus zu fertigen. Ein Buch kann so zu äußerst interessanten Ergebnissen führen. Und das ist nicht nur für den Fotografen, sondern letztendlich auch für den Sammler spannend.

Welchen Titel haben Sie eigentlich auf dem letzten Treffen vorgestellt?

„Particulars“ von David Goldblatt, darin lag eine handgeschriebene Rechnung von Martin Parr. Auch eines meiner absoluten Favoritenbücher, dem ich jahrelang nachgerannt bin, bis ich Martin Parr kennenlernte. In einem ersten Gespräch mit ihm fragte er mich „Welches Buch hast Du nicht und hättest Du gerne?“ Nachdem ich ihm diesen Titel nannte, meinte er, dass er zu Hause noch mal schauen müsste, aber er hätte womöglich ein zweites. Und so war es!

Was wünschen Sie sich in der Zukunft von Ihren Treffen?

Dass wir interessante Leute dazu gewinnen können, die besondere und rare Bücher mitbringen. Dass wir vielleicht auch Künstler einladen, die über ihre Buchprojekte einen Vortrag halten. Und dass wir eventuell auch Filme gemeinsam ansehen und nachher darüber diskutieren. Es gibt so viele interessante Gesprächsthemen im Bereich „Visualisierung, Bildsprache und Fotografie“!
(Peter Lindhorst)

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Kategorie: Input Blogbuch

Das Fotobuch als Poldermodell. Ein Gespräch mit Rik Suermondt über Fotobücher und die aktuelle Ausstellung „Feest van het Fotoboek“

März 22, 2012 by

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Ergänzend zur Printausgabe der PHOTONEWS starteten wir Ende 2011 einen Blog zum Themenschwerpunkt Fotobuch mit Rezensionen, Interviews und Debatten. PHOTONEWS Blogbuch wird von dem Fotobuch-Experten Peter Lindhorst betreut.

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Interview mit Bruno Ceschel, SPBH

(Text-)frei und ungebunden – Ein Vortrag von Peter Lindhorst

Interview mit Hannes Wanderer in Photonews 10/2015

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Aktuelles aus dem Blogbuch

Realisierung eines Masterplans. Markus Schaden zündet die erste Stufe des PhotoBookMuseums.

Debatten

Bücher machen um jeden Preis?

Bücher machen um jeden Preis? PHOTONEWS-Umfrage

Das Fotobuch als Poldermodell. Ein Gespräch mit Rik Suermondt über Fotobücher und die aktuelle Ausstellung „Feest van het Fotoboek“

22.3.12 Im Vorfeld der Ausstellung über niederländische Fotobücher seit 1945, die gerade im Fotomuseum Rotterdam unter dem Titel „Feest van het Fotoboek“ eröffnet wurde, fand dieses Interview mit Rik Suermondt, einem der beiden Initiatoren der Ausstellung und des Katalogbuches statt.Dessen Pulsfrequenz war deutlich erhöht, fand unser Gespräch doch unmittelbar vor der Auslieferung des Buches und kurz vor dem Aufbau der Ausstellung statt. Umso überraschender, dass Rik Suermondt sich äußerst auskunftsfreudig zeigte und einen ausgedehnten Exkurs in Sachen Fotobuch gab. Der Kunsthistoriker, Ausstellungsmacher, Autor und Dozent an den Hochschulen in Utrecht und Breda, ist ein ausgemachter Spezialist auf dem Gebiet des Fotobuchs in den Niederlanden. In der Vergangenheit hat er neben zahlreichen Monografien niederländischer Fotografen auch verschiedene Publikationen und Aufsätze über Fotobücher herausgegeben. In dem Interview stellt sich mein Gesprächspartner als ein absoluter Kenner heraus, der immer wieder rare Bücher an seinem Schreibtisch hervorkramt, um diese zu präsentieren. Für den Interviewer eine wahre Lehrstunde!

Photonews: Rik, du bist zusammen mit Frits Gierstberg Initiator der Ausstellung „Feest van het Fotoboek“, die derzeit in Rotterdam stattfindet. Woher rührt dein spezielles Interesse für das Fotobuch?

Rik Suermondt: Anfang der 80er Jahre studierte ich Kunstgeschichte. Ich hatte einen Freund, der das auch dort war und Kunstbücher sammelte. Er brachte mich mit relevanten Fotobüchern in Berührung, z.B. mit den Titeln von Ed van der Elsken und Johan van der Keuken. Das fand ich unmittelbar interessant, und so konnten wir schließlich zwei der Professoren an der Hochschule überzeugen, Fotografie, die bisher keine Rolle an der Hochschule spielte, als Forschungsfeld zu bearbeiten. Einer der Professoren besaß ebenfalls zahlreiche Fototitel und schlug vor, das Thema niederländische Fotopublikationen eng mit dem Bereich der Verlage zu verknüpfen und die Beziehungen von Künstler und Produzent herauszuarbeiten. So untersuchten wir, wie Bücher entstanden sind, wie die Fotografen zu den Verlagen kamen, welche Interessen die beiden Gruppen verfolgten, etwa anhand von Ed van der Elsken und dem Amsterdamer Verlag „De Bezige Bij“. Es kamen einige weitere Studenten an der Universität Utrecht hinzu und wir wurden zu so etwas wie Vorreitern, die sich dort speziell mit dem Genre des Fotobuchs beschäftigten.

Für mich persönlich bedeutete Ed van der Elskens „Een Liefdesgeschiedenis in St. Germain des Prés“ den Eintritt in die Welt des Fotobuchs, und in ähnlichem Maße auch Emmy Andriesse, die eine Mentorin von Van der Elsken war. Sie war eine leider schon früh verstorbene Fotografin, die im 2. Weltkrieg die Besetzung der Niederlande durch die Deutschen dokumentierte und die später u.a. das Buch „De Wereld van Van Gogh“ gemacht hat. Das kann man in der Ausstellung neben vielen anderen Beispielen sehen. In dem Buch sind Reproduktionen der Kunstwerke mit ihren Fotos kombiniert, auf faszinierende Weise lässt sie den Geist der Kunst van Goghs in ihren Fotos fortleben. Und schließlich ist natürlich „Paris Mortel“ von Johan van der Keuken zu nennen, das 1963 erschienen ist und mich nachhaltig beeindruckt hat.

Nach meiner Dissertation 'De fotoboeken van Uitgeverij Contact' (1987) habe ich zusammen mit Mattie Boom an dem Buch „Foto in Omslag. Het Nederlandse documentaire fotoboek na 1945” gearbeitet. Das war das erste Mal, dass eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Fotobuch in den Niederlanden stattfand. Darin werden Objekte detailliert beschrieben und in den zeitlichen Kontext gesetzt. Gary Badger und Martin Parr haben das Buch später u.a. als Quelle für ihre eigene Anthologie „The Photobook“ genutzt. Unser Buch erschien 1989, war zweisprachig, aber kaum jemand kennt es heute in den Niederlanden. Es ging mir nicht nur darum, wichtige niederländische Bücher aufzuzählen, sondern auch darzustellen, wie die Bücher gestaltet sind und in welcher Weise sich Beziehungen zwischen Fotobüchern erkennen lassen.

Ed van der Elsken: Een Liefdesgeschiedenis in Saint Germain des Prés. 1956 (linke Abb.). Hans van der Meer. Hollandse Velden. 1998. (rechte Abb.)

Warum findet ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt die Ausstellung statt? Ist die Situation derzeit opportun, um das Fotobuch zu resümieren?

Hinter dieser Ausstellung steht kein Jubiläum. Und es ist auch nicht Kalkül, weil das Fotobuch derzeit so in aller Munde ist. Vor einigen Jahren fragten mich die Verantwortlichen vom Fotomuseum Rotterdam, ob ich bereit sei, zusammen mit Frits Gierstberg eine Ausstellung zu gestalten. Dann gab es die Wirtschaftskrise 2008 und das Museum gab sich äußerst skeptisch, ob das Projekt genügend Publikumszuspruch fände. Es schien, als habe sich das Projekt erledigt. Mir half dann aber ein glücklicher Umstand: Ich war gerade mit einem anderen Buch bei NAI Publishers im Gespräch. Eher beiläufig erwähnte ich meine Idee eines Buchkompendiums über Fotobücher gegenüber dem Verlag, der sich sofort interessiert zeigte und einen umfassenden Band produzieren wollte. Das half letztendlich, um auch das Museum wieder ins Boot zu ziehen und das Projekt anzugehen. Jetzt ist das Buch fertig, es ist in kurzer Zeit entstanden, weil noch fehlende Gelder generiert werden mussten. Immerhin ist es 240 Seiten dick und teilt sich in sechs Abschnitte, zu denen Frits Gierstberg und ich Einleitungen geschrieben haben. Jeder einzelne Titel wird kurz vorgestellt, wobei uns einige zusätzliche Spezialisten unterstützt haben. Aber das ist sicherlich kein Nachteil, denn dadurch, dass mehre Autoren beteiligt sind, zeichnet  das Buch auch größere Variation in den Interpretationsansätzen aus.

Was sind die Besonderheiten an niederländischen Fotobüchern?

Was ich allgemein vorausschicken möchte, ist, dass wir als Niederländer eine stark ausgebildete Tradition haben, unser Land zu gestalten. Dies gilt für die verschiedensten Bereiche, also auch für das Graphikdesign. Nach dem 2.WK wurden verschiedene Künstlervereinigungen und Verbände gegründet. Es gab eine Organisation namens „Vereniging van Beoefenaars der Gebonden Kunsten“, eine Berufsvereinigung der angewandten Kunst, in der neben Fotografen u.a. Graphikdesigner, Keramiker, Innendesigner vertreten waren. Automatisch begannen einige Fotografen und Graphikdesigner in dieser Gruppe, die in der Form bis 1968 bestand, zu kooperieren. Das Design spielte immer eine überaus wichtige Rolle in der Geschichte der Fotobuchpublikationen.

Allgemein ist festzustellen, dass die Infrastruktur für Ausstellungen damals lange nicht so ausgeprägt war wie heute. Es gab kaum Museen, in denen Fotografie ausgestellt wurde, aber auch weniger große illustrierte Magazine als in Deutschland und Frankreich. Aber Ed van der Elsken oder Johan van der Keuken waren engagierte Fotografen, die Reportagen erstellten und diese veröffentlichen wollten. Diese Fotografen suchten daher nach Alternativen: das Publizieren von Büchern.

Genießen die Designer von Fotobüchern in den Niederlanden also einen ähnlichen Stellenwert wie die Fotografen?

In dem Buch betrachten wir sehr aufmerksam das Design, viel stärker, als dies etwa Parr und Badger getan haben. Wir haben mehr Aufmerksamkeit auf das Foto-Layout gelegt und zeigen ausführlich, wie das Erzählerische formal umgesetzt wird. Am Ende des Buches gibt es daher auch ein gleichberechtigtes Verzeichnis der Designer. Diese werden aber nicht nur im Verzeichnis, sondern auch in den Texten mit ihren Besonderheiten aufgeführt.

Ich glaube schon, dass die Designer eine hohe Wertschätzung in unserem Land erfahren. Viele Fotografen haben von Anfang an große Aufmerksamkeit auf die Wahl des Gestalters gelegt. Ich habe für dieses Projekt, ähnlich wie in dem erwähnten früheren Buch, den Einfluss von Graphikdesignern in den Büchern untersucht. Niederländische Graphikdesigner haben oft starke Konzepte. SYB ist doch ein gutes Beispiel, der bei uns gleich mit mehreren Beispielen vertreten ist. In den Niederlanden wird ein Fotobuch immer als „Teamprodukt“ angesehen. Das hat sich vor allem in der jüngeren Generation durchgesetzt. Wir sind eine Nation, in der das „Poldermodell“ umgesetzt wird. Ein niederländischer Begriff, der die organisierte politische Zusammenarbeit etwa zwischen Arbeitgebern, Gewerkschaften und unabhängigen Mitgliedern in einem Gremium beschreibt und in dem es um die Findung eines Konsens geht. Dieser Begriff lässt sich eben auch sehr gut auf den künstlerischen Bereich anwenden, um die Situation zu beschreiben. Ich find es spannend, dass Fotografen wie Rob Hornstra oder Anouk Kruithof sich bewusst für einen Designer entscheiden und diesem ihr Material überlassen. Kummer & Herrman aus Utrecht sind nur ein gutes Beispiel, wie der spezielle Charakter einer Arbeit von Designern  in eine sehr eigene Form umgesetzt werden kann.

Welche Designer waren in der Vergangenheit einflussreich?

Ich hab vor langer Zeit einen Artikel zu dem „St. Germain“-Buch von Ed van der Elsken erstellt, in dem ich den enormen Einfluss des Designers Jurriaan Schrofer dargestellt habe. Er war in den 50er Jahren ein überaus innovativer Designer, der das Buch mit einem intelligenten filmischen Layout versah. Das Buch fasziniert durch seinen starken erzählerischen Charakter. Das erste Bild zeigt das Ende der Geschichte und dann kommt eine Rückblende. Die Bilder werden immer wie Filmeinstellungen auf den Seiten präsentiert. Es gibt z.B. Nahaufnahmen, halbnahe Einstellungen etc. Schrofer lieh sich filmische Mittel aus und schuf damit eines der einflussreichsten Bücher überhaupt.

Ein anderer wichtiger Designer ist Dick Elffers, der u.a. mit Cas Oorthuys arbeitete. „Rotterdam. Dynamische Stad“ erschien 1959 und präsentiert ein neues Rotterdam mit seiner selbstbewussten Architektur und modernen Stadtplanung, nachdem das Stadtzentrum im 2. WK vollständig zerstört war. Oorthuys Bilder werden mit einer eigenwilligen Typographie und einem modernen Layout durch Elffers ergänzt und spiegeln so den Boom der Industrie und die vorherrschende Aufbruchsstimmung entsprechend.

Wie viele Titel habt ihr für dieses Projekt ausgewählt und was waren die Kriterien? War es schwierig, die entsprechenden Bücher aufzutreiben?

Das letztendliche Kriterium für die Aufnahme in unsere Auswahl musste immer die Qualität der Fotografie sein und die Art, wie der Inhalt einer Geschichte in dem Buch wiedergegeben wird. Es sollte irgendetwas Spezifisches, etwas Experimentelles, etwas Neues sein, etwas, das ein Buch von der Masse unterschied. Wir haben schließlich sechs Komplexe geschaffen, unter denen wir die Bücher rekrutierten: Landschaft, Jugendkultur, Arbeit und Industrie, Städte, ambitionierte Reisebücher und Reportagen aus anderen Ländern und eine Gruppe, die wir „autonome Fotobücher“ nannten. Hier sind unter anderem Künstlerbücher und Bücher, die sich keiner Kategorie zuführen lassen, zusammengefasst. Das Ganze ist sicherlich kein „Best of“ an niederländischen Fotobüchern, man kann streiten, ob relevante Titel in unserer Auswahl fehlen. Letztendlich sind es 124 Bücher geworden, dabei sind einige Fotografen mit mehreren Büchern vertreten.

Wir konnten auf die Bibliothek des Rotterdamer Fotomuseums zurückgreifen, einige Bücher besaß ich selbst, bei einigen Büchern haben wir Sammler angesprochen. Frits und ich haben viel zusammen gesessen, diskutiert, die Themen herausgearbeitet und die Bücher dann zugeordnet. In einer Rubrik wie Jugendkultur findet man als erstes das bahnbrechende Buch „Wij zijn 17“ von Johan van der Keuken von 1955 und die Rubrik endet mit Judith van IIkens “Mimicry“, das 2010 erschien und von SYB gestalte wurde. Einige der jüngeren Fotografen, die in der Anthologie aufgeführt sind, habe ich bereits als Studenten unterrichtet. Ich hoffe, unsere Auswahl macht auch deutlich, wie diese wiederum von jemandem wie Johan van der Keuken beeinflusst sind, dessen Ideen und Konzepte sie aufgenommen und weiterentwickelt haben.

Wir haben schließlich einige Bücher als Teil von außerordentlichen Verlagsprojekten ausgewählt. z.B. eine Reihe bei Contact, in den 50er Jahren herausgegeben von Cas Oorthuys. Das erste Buch darin hieß „Bonjour Paris“ und gehörte zu einer neuen Reihe von kleinformatigen Reisebüchern. Dort ist vielleicht die Fotografie weniger interessant, aber die Bücher waren gut gestaltet und verkauften sich weltweit sehr erfolgreich. Es gab sie in 5, 6 Sprachen und der Paris-Führer hatte eine Auflage von über 150.000 Stück.

Allgemein ist festzustellen, dass wir uns bei allen vorgestellten Titeln bemüht haben, die Auflagenhöhe zu recherchieren. Das wird am Ende des Katalogbuches in einer ausführlichen Graphik dargestellt. So kann man leicht erkennen, dass Bücher in den 90er Jahren oft noch in einer 1500er Auflage erschienen, während es heute meist nur wenige hundert sind.

Anton Corbijn. Famouz. Photographs 1976.88. 1989. (linke Abb.) Daan van Golden. Youth is an Art. 1997. (rechte Abb.)

Kannst du einige „Highlights“ nennen bzw. Bücher, die starke Strahlkraft ausgeübt haben im Bereich des Fotobuchs?

Das ist schwierig zu beantworten. Ich glaube, aus der Kooperation von SYB mit Rob Hornstra  („101 Billionaires“) oder mit Cuny Janssen sind Bücher entstanden, die sehr einflussreich waren bzw. sind. WassinkLundgren sind zu nennen mit „Empty Bottles“ oder „Tokyo Tokyo“, zwei verrückte Fotografen, die ihre Methode als konzeptuelle Dokumentation bezeichnen und ihre Publikation nicht nur als Medium ansehen, das ihre Arbeiten transportiert, sondern die immer wieder ziemlich verblüffende Sachen mit Büchern anstellen. Z.B. haben sie ihr Buch auseinandergenommen und mit den Seiten eine ganze Ausstellung bespielt. Auf jeden Fall sind sie Künstler, die das Potential, das sich in einem Buch verbirgt, entdeckt und überraschend erweitert haben und damit einen ziemlich starken Effekt auf eine nachfolgende junge Generation ausüben.

Jemand, auf den mehr Aufmerksamkeit gelegt werden sollte, ist der bereits erwähnte Cas Oorthuys, der als Fotograf auch oft das Design des Buches selbst machte. Von ihm haben wir mehrere Bücher in der Auswahl, da er sowohl als Fotograf als auch als Designer tätig war. Er kämpfte in den 40er Jahren im Untergrund gegen die Deutschen und war in der Gruppe „De Ondergedoken Camera“ engagiert. Er gilt als einer der wichtigsten Fotografen in den Niederlanden, der u.a. die letzten Kriegsjahre in Amsterdam dokumentiert hat. Mit Dick Elffers und anderen Fotografen von „De Ondergedoken Camera“ (u.a. Emmy Andriesse, Ad Windig, Charles Breijer) gab er 1947 das Buch „Amsterdam tijdens den hongerwinter 1944-45“ heraus, das als ein frühes Beispiel einer gelungenen Zusammenarbeit zwischen Fotograf und Graphikdesigner gelten kann. Dagegen war er in seinem Buch „Landbouw“, das die Bedingungen des Bauern in den Niederlanden in den 40er Jahren dokumentierte und 1946 erschien, selbst für die Gestaltung zuständig.

Wie sieht eigentlich der niederländische Fotobuchmarkt aus? Wenn man den Katalog durchblättert, findet man eine hohe Dichte an ambitionierten Publikationen. Sind bei euch die Verleger mutiger, wenn es darum geht, Risiken einzugehen? Gibt es mehr finanzielle Unterstützung von der öffentlichen Hand in den Niederlanden?

Derzeit ist die Situation sicherlich schwieriger wegen der wirtschaftlichen Entwicklung als noch vor ein paar Jahren. In der Vergangenheit waren die kulturellen Fördermöglichkeiten zahlreicher, d.h., es bestand auch die Chance, finanzielle Unterstützung für Buchprojekte zu erhalten. Ich bin mir nicht sicher, ob das mit dem Mut stimmt. Sicher ist, dass gerade in der jungen Generation Künstler und Studenten ihre Themen bearbeiten und diese in Büchern resultieren lassen anstatt ein konventionelles Mappen-Portfolio zu produzieren. Was Verlage und Mut betrifft, ist nur festzustellen, dass einige Verlage Verluste gemacht haben oder ganz verschwunden sind. Viele Fotografen gehen heute, wie auch in Deutschland oder anderswo, den Weg des selbstfinanzierten Publishings, Rob Hornstra ist da nur das bekannteste Beispiel.

Kannst du mal einige wichtige niedeländische Protagonisten im Publikationsbereich von Fotobüchern nennen?

Willem van Zoetendaal ist da natürlich anzuführen. Er ist sehr aktiv als Verleger, Kurator, Lehrer und Galerist und hat von Anfang an Leute wie Koos Breukel ausgestellt, Büchern mit ihnen gemacht, die er selbst gestaltete und oft mit wenig Text ausstattete, die andererseits aber aufwendig produziert wurden ( z. B. das Buch „Hyde“ von 1996, mit Silber- und Goldtinte). Ein anderer wichtiger Protagonist ist Bas Vroege mit seinem Verlag Paradox. Er hat in den 80er und 90er Jahren das Magazin Perspektief aus der Taufe gehoben. In seinem Verlag bringt er spannende Buchobjekte heraus, die er von Anfang an von Webseiten begleiten lässt und in andere Multimediaprojekte einbindet. Wir präsentieren in der Ausstellung als Beispiel ein Buch von Karel van Hees „Play“, bei dem der Fotograf drei Jahre in die Subkultur von Rotterdam eingetaucht ist. Manchmal erinnert dessen fotografischer Gestus an Ed van der Elsken, nur Jahrzehnte später. Dem Buch ist eine CD mit Musik und Geräuschen beigefügt, die das Atmosphärische der Stadt festhält. Das Buch wurde nach seinem Erscheinen von einer Radiosendung und einem Film begleitet. Bas Vroege ist jemand, der das Buch niemals isoliert betrachtet.

Und in diesem Zusammenhang ist auch der Gestalter von „Play“ zu nennen. Erik Kessels ist Art Direktor und Begründer der Agentur KesselsKramer und er hat außerdem einen eigenen Verlag gegründet hat. Er ist ebenfalls in unsere Ausstellung aufgenommen mit seinen Serien „In Almost Every Picture“, sehr gut gemachte Publikationen, die mal witzige, mal melancholische Fotoserien von Amateurfotografen vorstellen.

Carel van Hees. >Play. A Photographic Record. 2001. Doppelseite aus "The Dutch Photobook", NAI Publishers

Was erwartet den Besucher in der Ausstellung? Gebt ihr einen technischen und soziokulturellen Kontext?

Durchaus, auch wenn die Ausstellung mit Geld- und Raumproblemen zu kämpfen hat und wir gerne mehr gemacht hätten. Wir versuchen, den Cross-Over-Gedanken von Fotobüchern aufzunehmen, etwa die Verwandtschaft von Fotobuch und Film. Dazu passt Paris Mortel von Johan van der Keuken, das Ende der 50er Jahre in Paris entsteht. Gleichzeitig hat er einen Film „Paris a l‘aube“ gemacht. Das Buch wird gezeigt, dazu Filmausschnitte, um die Symbiose zwischen Film und Fotografie deutlich zu machen. Einige der Fotos sind kommentiert von dem Dichter Lucebert, der Mitbegründer der Künstlergruppe COBRA war, einer der besten experimentellen Dichter der 50er, 60er Jahre. Diese gegenseitigen Cross-Over-Effekte zwischen Foto und Film, Foto und Literatur möchten wir gerne aufzeigen, vor allem aber die gegenseitige Befruchtung von Graphikdesign und Fotografie. Meines Erachtens nach ist ein Buch schon von Natur aus ein Cross-Over-Projekt, an dem immer mehrere Talente beteiligt sind, vom Textschreiber bis zum Drucker.

In der Ausstellung setzten wir Schwerpunkte. Etwa 10 Bücher werden ausführlich in ihrem zeitlichen, gesellschaftlichen Kontext präsentiert, dazu werden ca. 80 andere Bücher kurz vorgestellt. Man kann zwar nicht blättern in der Ausstellung, aber es ist möglich, die Bücher in der Bibliothek des Museums einzusehen.

Um Langeweile zu vermeiden, zeigen wir anhand einiger Beispiele, wie ein Buch seine Form erhält. In der Ausstellung geht es uns auch um den Prozess des Büchermachens selbst und wir beschäftigen uns mit den Fragen des Layouts und der Bildauswahl. Dazu haben wir einige Dummies und Andrucke in der Ausstellung versammelt. Der Produktionsprozess, wie letztendlich ein Buch entsteht, ist in dieser Ausstellung mehr herausgearbeitet als in anderen Fotobuchausstellungen. Ich denke, es ist spannend für den Besucher, Dummies mit Originalprints zu betrachten, z.B. die Entwürfe von Johan van der Keuken.

Wäre so ein Ausstellungsbuch und –projekt auch in einigen Jahren möglich? Oder wird sich der Fotobuchsektor aufsplittern aufgrund der vielen unterschiedlichen Publikationsmöglichkeiten (Stichwort: Self-publishing) und ein Konsens kaum mehr bestehen?

Das Fotobuch boomt jetzt. Ich hab an der Schule oft Leute, die Bücher machen um jeden Preis, weil sie ein Fotobuch besitzen wollen, nicht aber, weil es der Inhalt hergibt. Ich würde daher vorschlagen, dass Leute manchmal mehr Zeit für ihr Thema aufwenden, bevor sie ein teures Resultat wie das Buch schaffen. Das Buch wird für meinen Geschmack zu häufig eingesetzt an den Kunsthochschulen. Andererseits verschieben sich die Publikationsaktivitäten vermehrt ins Netz, wo Studenten ihre Arbeiten präsentieren. Das finde ich ein interessantes Feld. Es muss nicht immer das Buch als Lösung herhalten. Webdokumente können interessante neue Möglichkeiten bieten. Jungen Fotografen ist damit eine Möglichkeit anhand gegeben, Inhalte völlig anders zu gestalten.

Rik Suermondt

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Mein „all time favorite“ habe ich bereits erwähnt. “Paris Mortel”, das ich mit Anfang 20 erworben habe und das ich immer noch liebe. „Sweet life“ von Ed van der Elsken ist unbedingt zu nennen; aus den 90er Jahren „Snelweg/Highways in the Netherlands“ von Theo Baart/Cary Markerink, die mehrere Jahre über die niederländischen Autobahnen gefahren sind und eine Geschichte daraus gemacht haben. Autobahn wird hier als Landschaftserfahrung dargestellt. Ein wirklich schönes Buch mit aufklappbaren Seiten, innovativer Typographie, verschiedenen dargestellten Situationen: Parkplätze, Porträts von Lastwagenfahrern, Autobahnen bei Nacht, Zusammenstöße. Jede Seite erzählt etwas Neues. Das Buch hat zwei Cover und ist ein gutes Beispiel dafür, wie vielfältig die Möglichkeiten der Präsentation zwischen zwei Buchdeckeln sind. Und schließlich noch ein als letztes Beispiel das sehr witzige Buch von Paul Bogaers:“ Upset down“. Auch das kann man von vorn nach hinten und umgekehrt lesen. Eine surrealistisch anmutende Fotografie, es gibt zahllose Assoziationen zwischen den Seiten. Das Ganze ist so phantasievoll wie komisch, wenn Bogaers eigene Fotos mit gefundenen Bildern aus Archiven etc. kombiniert. All diese Bücher sind in unserer Ausstellung neu- oder wiederzuentdecken!  (Peter Lindhorst)

Theo Baart & Cary Markerink. Snelweg. 1996. Doppelseite aus "The Dutch Photobook", NAI Publishers.

Die Ausstellung läuft bis zum 20. Mai im Fotomuseum Rotterdam. Der opulente, überaus informative Band „The Dutch Photobook. A Thematic Selection from 1945 Onwards“ ist bei NAI Publishers, Rotterdam erschienen: ISBN 978-90-5662-846-8, 240 Seiten, geb. € 59,50.

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Kategorie: Input Blogbuch

Interview mit dem niederländischen Fotobuch-Designer Sybren Kuiper

September 27, 2011 by

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Debatten

Bücher machen um jeden Preis?

Bücher machen um jeden Preis? PHOTONEWS-Umfrage

Interview mit dem niederländischen Fotobuch-Designer Sybren Kuiper

Dieses Interview erschien erstmals in Photonews Oktober 2011.

Peter Lindhorst/Photonews: Syb, welches Buch hast Du zuletzt erworben, das ein besonderes Design aufweist?

Sybren Kuiper: Eigentlich kaufe ich gar nicht so viele Fotobücher. Es lenkt mich zu sehr ab.Wenn ich bei einem Fotobuchfestival wie in Kassel an den Buchständen vorbeilaufe, werde ich immer unruhig und fühle fast ein bisschen Beklemmung. Derart viele und vor allem gut gestaltete Bücher! Je mehr Bücher ich entdecke, die gute Design­ideen und Konzepte enthalten, desto mehr entsteht das Gefühl, dass ich bestimmte Ideen nicht mehr anwenden kann. Ich bleibe lieber ein bisschen „ahnungslos“. Das gibt mir das Gefühl von größerer Design-Freiheit. Natürlich ist das eine Illusion, aber irgendwie funktioniert es nur so bei mir.

Auf Deiner Website erfährt man, dass Du in verschiedenen Bereichen des Grafikdesigns tätig bist. Kannst Du über Deine Ausbildung und Deinen beruflichen Werdegang berichten?

Heutzutage arbeite ich haupt­säch­lich in zwei Bereichen. Auf der einen Seite stehen Aufträge für die Plakatgestaltung von Theatergruppen und -festivals, auf der anderen Seite Fotobücher. Beide Bereiche sind sehr unterschiedlich. Plakate müssen ausdrucksstark sein, für die entwickle ich sehr eigenwillige Bild­ideen. Ich kann einen Fotografen beauftragen, meine Idee visuell umzusetzen (meist frage ich dann Niels Stomps). Ich kann mich auch entscheiden, bestehendes Bildmaterial zu nutzen, um eine Collage oder eine Illustration daraus zu erstellen. Das Design dient dazu, unmittelbare Aufmerksamkeit auf der Straße zu generieren. Die Plakate sollen den Betrachter fast ein wenig anschreien. Fotobuch-Design ist etwas ganz anderes. Sicherlich hofft man, ein Buch zu machen, dass die Aufmerksamkeit für die Designqualität erregt, aber das Design soll letztlich dem Inhalt dienlich sein, indem es die Qualität der Fotos bzw. das erzählerische Element hervorhebt. Es darf sich nicht gegen die Bilder stellen, soll also nicht schrei­en, sondern unterstützen.
Die Kunsthochschule besuchte ich erst, nachdem ich einen Universitätsabschluss in Niederländischer Sprache und Literatur gemacht habe. Daher war ich schon ziemlich alt, als ich mit Grafikdesign begann. Erst nach und nach entdeckte ich, dass mein Literaturstudium und meine Grafikausbildung viele Be­rührungspunkte haben. Meistens besteht mein Grafikdesign darin, Geschichten zu erzählen. Deshalb würde ich mich als einen erzählenden Designer bezeichnen. Und tat­sächlich benutze ich auch oft Texte in meinem Design, die ein Wechselspiel mit den Bildern eingehen.

Wie kamst Du zu Deinem ersten Auftrag, ein Fotobuch zu gestalten?

Ich arbeitete bereits ca. 9 Jahre als Grafikdesigner, als mir bewusst wurde, dass ich noch nie ein Buch gestaltet habe. Der Gedanke gefiel mir nicht. So beschloss ich, die erstbeste Möglichkeit zu ergreifen, die sich mir bieten würde, um ein Buch zu designen. Die Gelegenheit ergab sich, als ich ein Mädchen sah, das in einem benachbarten Supermarkt hinter der Käsetheke stand und dort völlig fehl am Platze schien. Ich kaufte immer wieder bei ihr ein und nach einem halben Jahr kamen wir ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass sie eine Fotografiestudentin an der Kunsthochschule war und gerade ihren Abschluss machte. Nachdem sie mir ihre Arbeit gezeigt hatte, schlug ich ihr vor, ihr erstes und zweites Buch unentgeltlich zu gestalten, einfach um es mal auszuprobieren und vielleicht Aufmerksamkeit als Designer von Büchern zu erlangen und Auf­träge zu erhalten. Und genauso ist es passiert. Das Mädchen war Cuny Janssen und die ersten beiden Bücher waren „India” und „Macedonia.”

Mit wem hast Du sonst bisher zusammengearbeitet?

Ich hab bis heute mit einer ganzen Menge Fotografen kooperiert, darunter auch einige, die noch nicht so bekannt sind. Neben Cuny Janssen waren das u.a. Niels Stomps, Vivia­ne Sassen, Rob Hornstra, Judith van Ijken, Anoek Steketee, Gijsbert Hanekroot, dann noch Florian van Roekel und Carla van den Putelaar. In letzter Zeit habe ich einige Aufträge aus anderen Ländern bekommen, ein Buch des italienischen Fotografen Valerio Spada mit dem Titel „Gomorrah Girl“ und eine Zusammenarbeit mit Michael Kominek, mit Fotos des mexikanischen Fotografen Enrique Metinides, die ich wirklich sehr mag.

Deine meisten Bücher erscheinen in niederländischen Verlagen. Wa­rum sind die niederländischen Verleger experimentierfreudiger als die deutschen Kollegen?

Das stimmt eigentlich nicht. Inzwischen sind einige Bücher außerhalb der Niederlande veröffentlicht worden. „Flamboya“ von Viviane Sassen wurde von dem italienischen Verlag Contrasto produziert. Ihr neues Buch, an dem wir gerade arbeiten, wird bei Prestel erscheinen. Die letzten drei Bücher von Cuny wurden von dem Kölner Snoeck Verlag veröffentlicht. „Dream City“ von Anoek Steketee ist bei dem deutschen Verlag Kehrer erschienen; Niels Stomps‘ „83 Days of Dark­ness“, wurde von der Kominek Galerie herausgegeben. Vielleicht sollte man den Spieß umdrehen: Warum sind deutsche Verlage experimentierfreudiger als ihre niederländischen Kollegen?

Erkennt ein Fotograf die Gestaltung als eine autonome Kunstform an? Inwieweit sind Fotografen bereit, ihr Material in fremde Hände zu geben?

Erst einmal: Ich bin kein autonomer Künstler, sondern arbeite im Auftrag. Mein Ziel ist es immer, ein gutes Buch zu gestalten, das die bestmögliche Form für das jeweilige Projekt darstellt. Und ein Buch ist nur ein gutes Buch, wenn mein Kunde das auch empfindet. Fotografen, mit denen ich arbeite, haben oft Riesenrespekt vor dem Designer und seinen Visionen, aber letztendlich ist es ihr Projekt, nicht meines. Die Projekte werden meistens als etwas sehr Persönliches betrachtet, und – abhängig von der jeweiligen Persönlichkeit des Fotografen – muss man unterschiedlich vorsichtig mit ihren „Babies“ umgehen. Es kommen aber auch Fotografen und sagen: „Hier sind meine Fotos, bitte mach ein Buch daraus.“ In solch einem Fall habe ich völlig freie Hand, das Material zu editieren und eine Struktur zu schaffen, um eine Erzählung mit dem vorgegebenen Material zu kreieren. Andere Fotografen haben eine ausgefeilte Vorstellung, wie ihr Buch aussehen sollte. Das ist zunächst zwar sehr schön und eine klare Angelegenheit für mich, wird dann aber sehr aufwendig, wenn ich zusätzliche neue Ideen einfüge. Ich muss sie also immer erst einmal überzeugen, dass es so noch besser funktionieren könnte. Letztendlich entsteht immer eine offene und respektvolle Diskussion.

Könntest Du konkret beschreiben, wie die Zusammenarbeit mit einem Fotografen aussieht? Das Buch von Gijsbert Hanekroot etwa ist sehr gelungen. Wie lief das in der Praxis ab?

Witzig, dass Du ausgerechnet „Abba…Zappa“ herauspickst, das ist nämlich das einzige Beispiel, bei dem ich einen Fotografen inständig bat, sein Buch gestalten zu dürfen. Das Buch liegt mir sehr am Herzen. In gewisser Weise ist es ein gutes Beispiel, wo ich ein erhebliches Maß an Freiheit erhielt, vielleicht wie bei keinem anderen Buch zuvor. „Abba…Zappa“ ist eine Werk­übersicht von Gijsbert Hanekroot, der in den späten 60er bis Mitte der 70er Jahre Hausfotograf bei Oor war, dem niederländischen Gegenstück zum Rolling Stone. Irgendwann besuchte mich Gijsbert im Studio. Den Anblick werde ich nie vergessen, als er mit zwei riesigen Plastiktüten ankam, die bis zum Platzen mit Originalabzügen gefüllt waren. Ich sprach ihn auf die Menge der Fotos an, worauf er ein wenig abwesend antwortete, dies seien nur die ersten drei Buchstaben des Alphabets. Er breitete Stapel mit Fotos meiner Rockheroen aus, in zufälliger Reihenfolge, in verschiedenen Größen und Formen. Unter jedem Bild gab es immer neue Überraschung zu entdecken. Sofort hatte ich das Gefühl, dass es eine gute Idee sei, für den Leser eines Buchs einen ähnlichen Effekt zu simulieren. Als ob er einen Stapel von Fotos durchblättert, in dem die hektische Energie jener Zeit eingefangen ist. Aber es sollte natürlich ein richtiges Buch werden, gebunden und nicht nur ein Stapel loser Bilder… Die Schwierigkeit würde sein, ein Buch zu produzieren mit scheinbar zusammengewürfelten Fotos, die unterschiedliche Formate und Größen aufweisen. Wie ließe sich so etwas aufbinden, wenn nicht in teurer Handarbeit? Der Drucker sagte, dass es unmöglich sei, aber ich wollte nicht aufgeben und ging direkt zum Buchbinder. Zu meiner Überraschung schickte mir dieser wenig später einen Dummy mit einer Fülle unterschiedlicher Seitenformate und Variationen, der mechanisch gebunden war.
Eigentlich war ich überfordert, gleichzeitig ein Design auszudenken und die Fotos sinnvoll dazu auszuwählen. Ich versuchte also, mich auf 10-12 Varianten zu begrenzen und die Fotoauswahl so zu machen, dass sie in ein Schema passen würde. Ein Balanceakt wie im Zirkus, bei dem ich vor allem die Bindung im Auge behalten musste, wenn ich die Größen der Seiten variieren wollte. Gijsbert und ich waren beide der Überzeugung, dass es besser für das Buch sei, anstelle einer alphabetischen oder chronologischen eine intuitive Reihenfolge vorzunehmen. Er gab mir alle Freiheit bei der Zusammenstellung… doch irgendwo in der Mitte des Auswahlprozesses rief er plötzlich ein wenig besorgt an. Nach 35 Jahren als Fotograf sei er ziemlich sicher, welches das stärkste Bild einer Serie sei. Ich sagte ihm, dass ich das gut verstehe, aber nicht so recht sehe, worüber er besorgt sei, als er mir antwortete: „Nun ja, du hast immer genau ein anderes Foto als ich ausgesucht“.
Das war interessant für mich, weil ich sehr intuitiv arbeite und zu erkennen versuche, was ein Bild oder eine Kombination mit mir als Betrachter anstellt. So erklärte ich ihm die Gründe meiner Auswahl. Ich hatte erkannt, dass Gijsbert eine Reihe von Bildern gemacht hatte, die die Rockstars in sehr persönlichen Momenten zeigt. Keine vorgefertigten Rollenklischees, keine Posen wie bei den Kollegen. In Gijs­berts Fotos wirkten sie viel menschlicher und zugänglicher. Wenn selbst Neil Young, der selbsternannte Einzelkämpfer, lächelt…

Doppelseite aus dem Buch "Abba...Zappa"

Doppelseite aus dem Buch "Abba...Zappa"

Wie lange arbeitest Du mit dem Material eines Fotografen? Ist der Fotograf in jeden Schritt des Entscheidungsprozesses eingebunden?

Es scheint so, als ob ich wirklich rasch und intuitiv Bildmaterial editieren und gestalten kann. Selbstver­ständlich sind Fotografen in jeden Entscheidungsschritt eingebun­den. Er oder sie ist der Chef. Meine erste Herangehensweise ist, die Zusammenstellung des Fotografen (welche ich total respektiere) zu ignorieren, um möglicherweise zu erkennen, welche Art der Auswahl und Erzählung aus den Fotos selbst heraus entsteht. Manchmal klappt das ziemlich gut und mir gelingt, den Fotografen mit seinem eigenen Material zu überraschen, aber das ist natürlich nicht immer der Fall. In anderen Situationen kehren wir gemeinsam zur Anfangsidee des Fotografen zurück. Ich mag die Vorstellung, dass die Fotos selbst – nicht aber der Designer und auch der Fotograf nicht – das Buch gestalten. Man muss die Fotos fühlen. Jede Fotoserie verlangt nach einer eigenen Umsetzung, damit sie funktioniert.

Wann merkst Du, ob ein Buch abgeschlossen ist?

Man kommt an einen Punkt, wo jede kleine Veränderung oder Verschiebung das Buch schlechter macht. Und tatsächlich ist das etwas, was man eher fühlt, als dass man es rational begründen kann.

Wie ist Deine Intention bei der Gestaltung? Muss das Design immer den Inhalt unterstützen? Oder erzählst Du mit der Gestaltung Deine eigene Geschichte?

Natürlich dient das Design dazu, den Inhalt zu stützen. Meine Aufgabe ist es, meinen Klienten neue und hoffentlich bessere Lösungen anzubieten, um eine Geschichte herauszuarbeiten. Es gibt einige wenige Dinge, die ich für wichtig erachte. Ich mag ein Buch, das ein oder zwei markante, kühne Design­entscheidungen enthält, die dann durchgehend im Buch angewandt werden, um es von anderen Titeln grundlegend zu unterscheiden und ihm eine starke Persönlichkeit zu vermitteln. Aber wie ich schon sagte: die Designentscheidung hat sich immer dem Inhalt unterzuordnen.

Als wie wichtig erachtest Du Texte in Fotobüchern?

Das kommt darauf an. Manchmal muss man richtig ringen, um einen passenden Text beizufügen und das ist eigentlich schon ein Anzeichen, dass das Buch diesen nicht wirklich benötigt. Manchmal will ein Fotograf aber auch keinen Text und ich komme während des Gestaltungsprozesses zu dem Schluss, dass die Fotos durchaus einen (Kon-)Text vertragen könnten. Ich habe selbst einige Texte für Fotobücher verfasst (meist unter einem Pseudonym). Mir gefällt es allerdings nicht, wenn ein Buch unmittelbar mit einem Text oder Essay eingeleitet wird. Ich will nicht, dass jemand die Arbeit schon interpretiert, bevor ich überhaupt die Chance habe, mir eine eigene Meinung zu bilden. Sicherlich gibt es Ausnahmen wie bei Viviane Sassens „Flamboya“, ein Text, den Moses Isegawa verfasst hat, und der sehr literarisch und weniger essayis­tisch ist. Übrigens ein sehr, sehr schöner Text!

Könnte eine gelungene Gestaltung so etwas wie die „Rettung“ für das Fotobuch bedeuten? Oder wird das Buch der Zukunft rein digital sein?

Ich glaube, dass auch zukünftig eine große Nachfrage nach Büchern sein wird, aufgrund ihrer physischen Qualität. Bestimmte Erfahrungen kann man nur mit einem Buch als physischem Gegenstand machen. Genau diese Erfahrungen versuche ich im Design umzusetzen, um das Buch von anderen Medien abzuheben. Andererseits bin ich schon gespannt, ein E-Book zu designen und die spezifischen Möglichkeiten des Mediums auszuloten und möglicherweise vorgegebene Grenzen in dem Prozess zu verschieben.

Hast Du bestimme Maximen, die Du beim Buchdesign immer wieder anwendest?

Ich habe „10 Golden Rules to Excellent Photo Book Design“ für einen Vortrag in Kassel 2010 entworfen. Der Titel war natürlich ironisch gemeint und um ein wenig Aufsehen zu erregen, aber tatsächlich gelten die Regeln für meine Design-Praxis, wenn man sie nicht zu ernst nimmt.

In Expertenkreisen bist Du mittlerweile ziemlich bekannt. Ein Buch mit dem Design von SYB bedeutet ein Qualitätsmerkmal. Gibt es so etwas wie ein verbindendes Element Deiner sehr unterschiedlichen Projekte?

Ein Charakteristikum könnte sein, dass ich jede physische Dimension eines Buches ausnutze, um eine Geschichte zu erzählen. Und dass ich immer versuche, bestimmte technische Einschränkungen soweit zu verschieben, dass ich etwas Neues erreiche.

Was würdest Du einem Debütanten raten, der sein erstes Fotobuch machen will?

Einfach loslegen. Nicht zu ängstlich sein, andere Leute/De­signer anzusprechen und ihre Meinung einzuholen. Aber am wichtigsten: sei offen und beharrlich zugleich!

Weitere Informationen:
www.sybontwerp.nl

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Kategorie: Input Blogbuch

Die Kreativität des Fotografen Rob Hornstra

Juni 1, 2010 by

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Debatten

Bücher machen um jeden Preis?

Bücher machen um jeden Preis? PHOTONEWS-Umfrage

Die Kreativität des Fotografen Rob Hornstra

Dieser Beitrag erschien erstmals in Photonews Juni 2010.

Sowohl beim Kasseler Fotobuchfestival (Mai 2010) als auch bei den Hamburger Fotobuchtagen (Juni 2010) war der niederländische Fotograf Rob Hornstra zu Gast, ein Pionier des Fotobuches im Eigenverlag. Gunda Schwantje traf ihn zuvor in Utrecht.

Das Gespräch findet in einer Utrechter Kneipe statt.Das sei er­wähnt, weil Rob Hornstra, Jahrgang 1975, tatsächlich viele seiner Inspi­rationen an Kneipentischen generiert hat, wie er erzählt. Im Aus­tausch mit Kollegen, Freunden, Fremden. Einmal probierte er eine Lö­sung auf ihre Handhabbarkeit gleich am Tresen aus. Ihm fehlte nämlich das Geld für den Druck eines Foto­buches. Deshalb war ein Barkeeper der erste, der vorab und ohne sofortige Gegenleistung den Kaufpreis für das Buch zahlte. Hun­dert solcher „Käufer“ hatte er da­mals nötig. Mit 100 Kleinstkredit­ge­bern würde er seine Abschluss­arbeit an der Utrech­ter Kunstaka­de­mie als Bild­band vorlegen können. 2004 war das. Es sollte das erste Mal sein, dass ein Student ein Exa­men der Fotoakademie mit einem im Selbstverlag herausgegebenem Foto­buch abschließen würde.

Seinen Erfindungsreichtum, für den er viel Aufmerksamkeit und Aner­kennung bekommt, betrachtet er nicht als Kern seiner Arbeit. Er sieht es pragmatisch: „Die Ideen sind notwendig, um die fotografische Arbeit, die ich machen will, zu realisieren“, sagt Rob Hornstra. „Hinter­gründige Fotoserien und Dokumen­ta­tionen sind mein Ziel. Aber bei jedem Projekt beschäftigt mich auch die Frage, wie ich meine Arbeit am besten präsentieren und zur Geltung bringen kann? Und die Frage, wie ich sie finanziere?“

Cover "Communism & Cowgirls"

Mit „Communism & Cowgirls“ ist ihm beides auf Anhieb geglückt. Für dieses Fotobuch, sein erstes und also die Examensarbeit, erhielt er die Auszeichnung „cum laude“. Das Buch wurde später außerdem mit dem „Photo Academy Award“ preisgekrönt. Aufgenommen in Russland bringt Rob Hornstra in „Commu­nis­mus & Cowgirls“ die Lebens­realität Jugendlicher in den Fokus. In der ihm eigenen Farbigkeit und bereits mit seinem ausgeprägten Gespür für Absurdes. Russland hatte er ausgewählt, weil er wissen wollte, wie Systeme funktionieren. Der Kapitalismus, der Kommunis­mus, der Prozess einer Transforma­tion. „Mich hat insbesondere die Generation interessiert, die den Kommunismus nicht miterlebt hatte. Die 15-, 16jährigen. Diese Jun­gen wollte ich unbedingt sprechen.“ Er ist ihnen nah gekommen, auch davon erzählen die Fotografien.

Rob Hornstra sah sofort viele Ge­schichten. Deshalb wollte er nach seinem ersten Aufenthalt gleich wieder zurück nach Russ­land. Und so werden zwei Eigen­schaften, seine Passion für den investigativen Jour­nalismus und seine Fähigkeit zu einem langen Atem, zu wichtigen Bausteinen.  „Wahrschein­lich höre ich mit Russ­land erst in vier bis fünf Jahren auf“, denkt er heute. Bis 2014 jedenfalls wird das sogenannte „Sochi Project“ laufen.

www.thesochiproject.org ist ein facettenreiches Langzeitprojekt. Rob Hornstra hat es gemeinsam mit dem Autor und Filmemacher Arnold van Bruggen, Jahrgang 1979, entwickelt. Mit dem „Sochi Project“ wollen sie regelmäßige Reisen in die Region um Krasnodar am Schwar­­­zen Meer und eine hintergründige Berichterstattung, slow journalism in Worten und Bildern, über Sotchi (englisch: Sochi), Olym­pia und den Kaukasus, verwirklichen. Präsentiert als Mixtur aus Dokumentar­foto­gra­fie, Reportage und Film. Mit einem crowd fun­ding, Spendengeldern also, als Basis. Mit einer Commu­nity, die intensiv an dem Projekt teilhaben kann. 2009 gingen die beiden Journalisten an den Start.

Anlass sind die Olympischen Win­ter­spiele. Sie werden im Jahr 2014 in Sotchi im Kaukasus stattfinden.  Die Winterspiele liefern den beiden Projektinitiatoren „gratis einen Grund, die ganze Region zu untersuchen“, freut sich Rob Hornstra. Und das erhebliche Medien­in­teresse, das sich im Zuge dieses Sportereignisses aufbauen wird, kommt den Journa­listen gerade recht. Denn beide haben bereits seit längerer Zeit ein großes Inter­esse am Kaukasus. „Wenn etwas entflammbar ist und auch in 100 Jahren noch entflammbar sein wird, dann ist es der Kaukasus“, schätzt der Fotograf die Lage ein. „Man wird uns anläss­lich der Winterspiele eine Fassade präsentieren. Der Glamour von Olympia steht in scharfem Kontrast zu der von Krisen, Konflikten und Armut gebeutelten Region.“ Genau das wollen die beiden Berichterstatter in den Fokus nehmen bei ihren Recherchen. Von dem beliebten russischen Bade- und Kurort an der russischen Riviera, er liegt in einer subtropischen Zone, sind es nur 20 Kilometer bis zur Konfliktregion Abchasien. Auch die durch zwei Kriege verwüstete autonome Republik Tschetschenien im Nordkaukasus, der Unruheherd Inguschetien und die verarmte Teilrepublik Nordossetien sind nicht weit.

„Sotchi hatte den ultimativen Glanz eines sowjetischen Urlaubspara­dieses“, erzählt Rob Hornstra. „Alte sowjetische Sanatorien stehen dort Seite an Seite mit teuren Clubs und Hotels. Es verändert sich in eine Art Benidorm. Sie denken scheinbar, wenn sie viele Gebäude aus Glas bauen wie in New York, dann wird das schon. Aber es funktioniert überhaupt nicht. Es zerstört den Charakter der Stadt.“ Weil Zeitungen und Zeitschriften überhaupt nicht in der Lage wären, ein Projekt in der Größenordnung von „Sochi“ zu finanzieren, sind die beiden Journalisten mit einer neuen Idee zur Tat geschritten. Eine Kombi­na­tion aus Spendengeldern, Förder­geldern und Veröffentlichungen in Zeitschriften und Magazinen er­mög­­licht ihnen die intensive Re­cher­che und selbstbestimmte Pro­duktion der Geschichten, die sie publizieren wollen.

Die Inspiration für ihr crowd fun­ding kam aus dem Internet. „Arnold hat die Website Spot.us gefunden mit kleinen journalistischen Projek­ten auf Spendenbasis“, berichtet Rob Hornstra. „Give us your mo­ney.“ Mit diesem Motto werben Rob Hornstra und Arnold von Bruggen für ihren neuen Weg im investigativen Journalismus. Ihr crowd fun­ding funktioniert so: Es gibt die Kategorien Gold, Silber und Bronze, angelehnt an das Thema Olympia. Gold bedeutet, ein Spender zahlt 1.000 Euro im Jahr. Dafür bekommt er etwas Exklusives zurück, „ein collector’s item, eine Sammelbox als Geschenk, sowie Abzüge und gedruckte Publikationen“, so Rob Hornstra. Silber zahlt 100 Euro und erhält die Publikationen. Für mindestens 10 Euro, Bronze, hat ein Spender, wie Silber und Gold auch, Zugang zum gesperrten Teil der Website. Hier sind und werden Artikel, Interviews, Essays, Fotose­rien publiziert. Auch ein sketch book mit Hintergrund­informationen zum slow journa­lism, zur Arbeits­weise des Autoren und des Foto­grafen und zu den Reisen kann man lesen. Das Funda­ment dieses Spon­sorings, die Web­site, konnten sie mit öffentlichen Fördergeldern aus dem Fonds für Bildende Kunst, Formgebung und Baukunst (BVBK) finanzieren.

„Wir haben Sotchi gemacht für Menschen, die sich dem slow journalism verbunden fühlen und in der Annahme, dass sie vielleicht bereit wären, Geld zu geben“, erzählt Rob Hornstra. „Aber das stimmt nicht. Höchstens drei Prozent der Spender sind Journa­listen oder haben etwas mit Medien zu tun. Durch ein Projekt lernt man wirklich viel. Jedes Mal kommt heraus, dass das, was man vor Augen hatte, anders funktioniert.“ Wer also spendet? In die Kategorie Gold investieren Sammler von Fotobüchern und Personen, die den beiden Auto­ren nahe stehen und sich die finanzielle Unterstüt­zung leisten können. Unter Silber finden sich auch Foto­buchsammler. „Sie wollen am liebsten signierte Exemplare.“ Bronze wählen Men­schen aus Neugierde. „Junge Foto­grafen und Studen­ten, die wissen wollen, wie dieses Projekt funktioniert.“ Wie verhält es sich mit ihrer journalistischen Unabhängig­keit? „Die Spender haben kein Mitspracherecht bei den Themen. Wir beschäftigen uns auch nicht mit Themen, die auf die Masse ausgerichtet sind. Das ist nicht unser Ziel. Wir machen keine Konzes­sionen“, beschreibt Rob Hornstra die Prinzipien. Ihm gefällt dieses crowd funding auch wegen der Freiheit, die es für die Produzenten der Geschichten kreiert.

Cover "Roots of the Runtur"

Der energiegeladene Rob Hornstra hat mittlerweile drei Fotobücher im Selbstverlag herausgegeben und er versucht gemeinsam mit anderen, die Stadt Utrecht, in der er wohnt, als Zentrum für Doku­men­tarfotografie international auf die Karte zu setzen. Zusammen mit der freischaffenden Ausstel­lungs­macherin Femke Luitgerink hat er FOTODOK gegründet. Ziel der Stiftung ist es, ein breites Publikum für lokale und internationale Doku­mentarfotografie zu interessieren. FOTODOK organisiert Ausstellun­gen und Lesungen. Im Juni 2010 wird in Kooperation mit FOTODOK ein neuer, gut dotierter niederländischer Preis für Doku­mentar­fotografie erstmals verliehen, der „Dutch Doc Award“.

Unter Sammlern sind Rob Hornstras Fotobücher begehrte Objekte. Für den eigensinnigen Dokumentar­foto­grafen selbst sind Fotobücher „eindeutig und mit Abstand die beste Ausdrucksform für meine Arbeit. Besser geht es nicht. Ich muss dann selbstverständlich noch nach der richtigen Präsentations­form suchen, denn ein Fotobuch kann ja alles sein.“ „Roots of the Runtur“, sein zweiter Bildband, hatte die Verän­derungen in der Fische­rei auf Island zum Thema. „101 Billionaires“ ist bereits in zweiter Auflage erschienen. In 101 Bildern zeigt er hier die Kehrseite des zu­nehmenden Wohlstandes und Er­folgs in Russ­land. Mit einer Mischung aus Por­traits, Innenauf­nahmen und einigen Landschafts­fotografien. Die Arbeit hat eine surrealistische Note. Auf­fallend viele alte Menschen und junge Leute sind darin zu sehen und er hat seine Fotografien mit lebendigen, detaillierten „Bildunter­schriften“ ergänzt – knapp gehaltene farbige Beo­bachtungen, angereichert mit Zita­ten, die viel von den Lebens­ver­hältnissen der Portrai­tierten in Russ­land erzählen. 
Gunda Schwantje

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Interview mit Jörg Koopmann

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Fotobuch, im Eigenverlag. Jörg Koopmanns Buch „Cat Seen“

Dieser Beitrag erschien erstmals in Photonews Mai 2009. 

Leser des ZEIT-Magazins konnten sich 2008 Woche für Woche über ein Bild aus Jörg Koop­manns Serie „Das Tier im Mittel­punkt“ freuen; für Fans gab es  ab 2009 die Serie komplett, ergänzt mit Arbeiten aus „Pet Houses“. Das Buch „Cat Seen“ ist die erste Publikation in Koop­manns Eigenverlag „Book with a Beard“ – eine präzise und dabei zugleich lakonische Arbeit über den Lebens­raum von Tieren. Fragen an den Münchner Fotografen und Jungverleger von Anna Gripp.

Jörg Koopmann, aus "Cat Seen"

Jörg, hast Du mit der Publikation im Eigenverlag aus der Not, einen Ver­lag zu gewinnen, eine Tugend ge­macht?

Von Not kann ich nicht sprechen, genau genommen hab ich nicht einen einzigen Versuch gestartet, das Buch bei einem existierenden Verlag unterzubringen. Es gab nicht einmal einen Dummy. Das war eine Mischung aus Übermut, Ahnungs­losigkeit und Neugierde, die den Entschluss prägten. Ich verstehe das auch eher als Künstlerbuch: wie bei einer Ausstellung alle Details, Form, Format, Editieren etc. komplett unabhängig entscheiden zu können und zu müssen und damit gewissermaßen die Autorenschaft bis zuletzt ernst zu nehmen.

Selbst wenn Fotografen für ihr Projekt einen Verlag finden, müssen sie sich oftmals um die Finan­zierung kümmern bzw. einen Teil der Kosten übernehmen. Das funktioniert mitunter auch über Sub­skrip­tionsmodelle. Wie hast Du die Finanzierung bewältigt?

Gespart, gespart und kein Geld mehr für Ausstellungsprints und Rahmen ausgegeben. Damit alles selbst finanziell vorgestreckt und nun hoffe ich, die Produktions­kosten peu à peu wieder reinzuholen. Das geht nur, wenn alle Beteiligten an so einem Projekt Inter­esse und Lust haben, Freunde ihre Arbeit kostenlos und Firmen Sonderkonditionen an­bie­ten. Druck und Bindung sind aber ganz normal bezahlt. Insge­samt steht die Freude am Ergebnis im Mittelpunkt.

Jörg Koopmann, aus "Cat Seen"

Die Druckqualität von Cat Seen ist beeindruckend. Wie hast Du eine passende Druckerei gefunden? Konn­­test Du den Druck beaufsichtigen?

Ich orientierte mich an Empfeh­lun­gen von Grafikerfreunden und nutzte Bücher, die ich gut produziert fand, als Recherche­quelle. Fünf Druckereiangebote lagen preislich relativ nahe bei einander, das war also zum Teil auch eine Bauch-Entscheidung. Da sich alle Details nur im direkten Gespräch klären lassen, war ich mit einem großen Stapel Bücher bei dem Lithographen und Drucker, um anhand von diesen Beispielen konkret zu besprechen, was man an Haptik, Ton­werten, Schärfe etc. so anstrebt. Ich war bei allen Stationen dabei, ging mit meinen RGB Scan-Daten zu einem phantastischen Lithogra­phen, den mir der Drucker ans Herz gelegt hatte, und der war so gut, dass an der Druckmaschine nur sehr wenige Korrekturen nötig waren.

Wäre auch ein Buch als Print-On-Demand möglich gewesen?

Da bin ich überfragt, aber wenn man sieht, was bei einem Offset­druck so an Material durch die Ma­schine läuft, bis die Farben stehen, oder solche Details wie Tiefenprä­gungen berücksichtigt, da sind 50er- oder 100er-Häppchen eher undenkbar. Das geht vermutlich nur als Digitaldruck, und da hab ich wenig gesehen, was ich qualitativ überzeugend finde oder der Stück­preis liegt ganz woanders, vermute ich. Für mich war das irgendwie nie als Option im Kopf. Gegen­beispiele bitte zuschicken...

Der Druck eines Fotobuches ist eine Sache, es unter die Leute zu bringen womöglich eine noch grö­ßere Herausforderung. Wie funktioniert der Vertrieb von Cat Seen?

Tja, bisher auch alles selbstgestrickt und eher mühsam. Es gibt eine Homepage zum Direkt-Bestellen, dann galt es, alle relevanten Buch­l­äden zu kontaktieren, das Buch anzu­preisen etc. Im Falle von Cat Seen ist natürlich die Referenz der Zeit-Magazin-Rubrik 2008 „Das Tier im Mittelpunkt“ ganz hilfreich, aber das geht dennoch nicht so einfach. Ich glaube wichtig sind Netz­werk und Mundpropaganda; es gibt viele, die noch ein zweites Exem­plar bestellen, meist als Ge­schenk; da hilft natürlich der unrealistisch güns­-tige Preis für ein so aufwändiges Buch. Noch bin ich weit von einer Refinanzierung entfernt, Cat Seen ist erst wenige Monate auf dem Markt und ab Mai, wenn dann Buch Nummer 2 fertig ist, kann ich mich mehr um Vertriebsfragen kümmern. Ich finde das momentan auch spannend, ein bisschen zu lernen, wie der Markt so funktioniert oder auch nicht. Länger­fristig suche ich aber schon eine Kooperation mit einem professionellen Vertrieb, was aber auch keine Garantie zum Verkaufs­erfolg ist, nur weniger Arbeit.

Darf ich fragen, was Dich die 1.000er Auflage gekostet hat?

Dir persönlich verrate ich das, aber nicht als offizielle Zahl bitte, weil der unrealistische Lithopreis oder Text- und Grafikarbeiten als Tausch gegen Prints eine Basis sind, die nichts mit üblichen Produktions­preisen zu tun haben. Nur so viel: Mehr als ich jemals für etwas ausgegeben habe.

Der einzige Text im Buch ist auf der Rückseite platziert und in Deutsch. Warum gibt es nicht mehr Textinformation, keine Bildtitel, keine Seitenzahlen und warum hast Du den Text nicht auch in Englisch veröffentlicht? Der Fotobuchmarkt ist doch sehr international.

Mir gefällt diese radikale Trennung für ein Fotobuch, innen nur Bilder, außen nur Text. Dadurch muss der Text kurz, informativ und prägnant bleiben. Dieses ganze Erklä­rungs­bedürfnis verspüre ich nicht. Für die Zeit-Rubrik fand ich das passend mit diesen Marginalinfos. Aber im Kern der Serie hilft einem dieser Zuordnungsdrang auch nicht wirklich weiter. Ob der Hase in Polen oder im Jemen rumsitzt,  macht für die Serie keinen Unter­schied. Ich bin vielleicht auch einfach allergisch auf diese mediale Dauerbe­rieselung mit Erklärungen, Analysen und Schlaumeiereien über die Welt der Tiere.

Den Text zweisprachig zu setzen, war schwierig bei dem Konzept, aber es gibt eine kleine englische Edition mit der Übersetzung als schönes Einlegeblatt. Ein Vertrieb in England klappt damit besser, aber Cat Seen funktioniert auch ganz gut ohne Text. Viele Leute bemerken den Text auf dem Rückcover auch erst später. Buch Nummer 2 ist zweisprachig, aber da gibt es auch sehr viel mehr Texte und Informationsbedarf.

Jörg Koopmann, aus "Cat Seen"

Jetzt noch eine Frage zu dem fotografischen Buchkonzept: Die Bilder in Cat Seen wirken „beiläufig-gezielt“. Bist Du auf Reisen ständig auf der Suche? Wie lange hast Du an dem Buch fotografiert?

Ich ziehe nicht los, um Tiere zu fotografieren, es geht – schon wie man an der Auswahl sieht – um diese normalen Begegnungen mit ´den Anderen´. Daher dauerte das ein paar Jahre: die stoische, zentrierte Bildkomposition zu verinnerlichen und den ‘Gestaltungs­reflex’ des framings (ins Bild setzen) zu unterdrücken, die Samm­lung, die über Hund Katze Maus hinaus geht etc. Knapp hundert Bilder entstanden in 10 Jahren, „Pet Houses“ dagegen in 3 Tagen. Aber wie man an dem zweiten Buch sehen wird, sind meine Antennen immer auf mehrere Sachen ausgerichtet, so sind diverse Kleinserien entstanden, die eben auch verschiedene Bezüge herstellen. Das mit dem Reisen und der Suche sind so Schlagworte und große Schub­laden. Vielleicht eher: ich versuche aufmerksam zu beobachten, egal wo ich grad bin.

Was kommt mit Buch Nr. 2?

Ein kleineres, dickeres Buch mit dem Titel:  Born in Brennen*. Es versammelt mehrere Serien und Themen, die alle einen Blick auf die politische Situation seit 2001 werfen. Es geht u. a. um Orte, die eine Art politische oder historische Aufladung haben, um Grenz­ziehungen, um Militarisierung, um Phänomene und Rituale wenn Leute für oder gegen etwas demonstrieren und ähnliche profane, politische Randnotizen. Also sehr viel mehr um Inhalte als bei Cat Seen, wobei meine Fotografie in diesem weiten Themenfeld sicher nicht für Erklärungsversuche über Krisen­gebiete hilfreich ist. Eher ´journalist in bed´ als ‘embedded journalism’, wobei es keinesfalls um meine Befindlichkeiten oder eine Nabel­schau geht. Diese Arbeit liegt mir sehr am Herzen, kaum eines der Bilder davon war schon irgendwo veröffentlicht und ich freue mich, dies nun endlich mit einem Buch publizieren und gleichzeitig abschließen zu können. Momentan wird es superknapp, das bis zu der Ausstellungseröffnung am 7.5.2009 im Fotomuseum München fertig zu haben, weil der Umfang immer größer wurde und ich kaum unter 240 Seiten komme. Au weiah.

Die Bücher "Cat Seen", "Born in Brennen" und weitere Titel sind in Jörg Koopmanns Eigenverlag Book with a Beard erhältlich: www.bookwithabeard.com 

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